Drabble

… verirrten sich im Wald

Langsam wird es Gretel mulmig. Paps war eindeutig zu lange weg, der hat sie bestimmt vergessen.
“Ich will nach Hause”, mault sie. Wenigstens hat sie keinen Hunger.
Hänsel grinst. “Wir warten, bis es dunkel wird und dann gehen wir nach Hause.”
“Kennst du den Weg?”
“Nö, aber ich habe vorgesorgt.”
“Wie?”
“Wirst du schon sehen. Alles gut. Wenn ich nur nicht so einen Hunger hätte.”
Jetzt grinst Gretel und öffnete ihre Schürze. “Kein Problem!”
Hänsel stöhnt auf, als er die Brotbrocken sieht, die seine Schwester ihm präsentiert und gar nicht versteht, warum er aufspringt und sie eine dumme Kuh schimpft.

Ge-genderte Sprache – auf Biegen und Brechen?

Immer wieder in der Diskussion: die Betrachtung der deutschen Sprache unter Gender-Gesichtspunkten. Ist unsere Sprache diskriminierend? Viele angesehene Feministinnen sagen: ja.
Ist unsere Sprache maskulin dominiert? Ziemlich sicher, denn es gibt viele sogenannte “generalisierte Maskulina”. Ich schreibe für meine Leser, wenn es schnell gehen soll, nicht für meine Leserinnen und Leser oder LeserInnen, Leser_innen oder wie auch immer man beide Geschlechter anzusprechen wünscht. Liebe Lesende? Das klingt ein bisschen wie die altbekannten “Lieben Liebenden”. Dann doch lieber Leserinnen und Leser.

Eine AG der Humboldt-Universität Berlin hat nun einen Leitfaden “Feministisches Sprachhandeln” herausgegeben, zu finden in voller Länge als Onlineversion hier. Seit der Veröffentlichung des Leitfadens kochen die Diskussionen, wie zum Beispiel hier auf Heise.de. Weg mit der Dominanz des Männlichen in unserer Sprache, weg von Professor und Doktor hin zu “Doktox” oder “Professx”. Da ich manchmal auch dazu neige, laut zu lesen, frage ich mich, wie spricht man das aus? Abgesehen davon: warum nicht “Professorin” und “Doktorin” neben Professor und Doktor?

Auch so ein rotes Tuch bei der Betrachtung der deutschen Sprache aus Gender-Gesichtspunkten: das kleine Wörtchen “man” in Formulierungen wie “Zur Mühle kommt man, wenn man links abbiegt”. Man (ja, auch ich, deine Tochter Bruta) benutze das “man”, auch wenn es leicht zu vermeiden wäre, wie zum Beispiel durch so eine würgige Passivkonstruktion oder, schöner, auf diese Weise: “Sie erreichen die Mühle, wenn Sie links abbiegen”.

Laut einer Perzeptionsstudie, so der Leitfaden, stellten sich die meisten Befragten bei dem Wörtchen “man” einen weißen, gesunden Menschen männlichen Geschlechts vor. Ich persönlich kann das nicht nachvollziehen. “Man” ist für mich das unpersönlichste Pronomen überhaupt und damit an keine bestimmte Person gebunden, neutral, geschlechtslos. “Man” ist für mich kein “Mann”, keine Frau, noch nicht einmal ein “jemand” oder ein “wer”. “Man” ist eine breite namenlose Masse ohne Gesicht, ohne Geschlecht und ohne Gender. Bevor wir uns über dieses kleine Wort und seine Verwendung echauffieren, sollten wir uns, finde ich, andere Gedanken über unseren Sprachgebrauch machen.

Ich finde nicht, dass wir eine auf Krampf gegenderte Sprache brauchen. Ich brauche keine “Mitarbeitas”, wenn ich in meine Anschreiben auch “Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter”, “liebe Gäste”, “Sehr geehrte Damen und Herren” oder auch einfach “an alle Lehrenden” schreiben kann. Ja, ich finde es schön, wenn männliche und weibliche Form gemeinsam benutzt werden und nicht alles auf das Maskuline beschränkt wird. Aber um diesen Respekt beiden Geschlechtern gegenüber zu zeigen, brauche ich keine künstliche neue Sprache.

Für mich ist Sprache und wie sie verwendet wird, ein Ausdruck des Respekts, den ich vor meinem Gegenüber habe, und da ist es vollkommen gleich, ob dieses Gegenüber männlich, weiblich, trans, straight, homosexuell, lesbisch, jung, alt, gesund oder krank ist oder eine andere Hautfarbe hat als ich. Vor mir steht ein Mensch. Punkt. Ich glaube nicht, dass wir uns in erster Linie und ausschließlich um unsere Sprache kümmern und diese “gendern” müssen. Das ist sicherlich ein Anfang und ein Weg – wobei wir uns fragen sollten, wie weit wir dabei gehen wollen und wie viel Künstlichkeit und plötzliche Umwandlung unsere Sprache verträgt.
Sicher. Sprache ist niemals starr. Sie ist dynamisch, sie ist Moden und Entwicklungen unterworfen, das war sie schon immer. Ich glaube aber nicht, dass es zu mehr Respekt untereinander führt, wenn wir unsere Sprache künstlich verbiegen und verformen.
So lange im Radio Songs erklingen, in denen eine Frau von einem Man als “my brand new toy”, “mein brandneues Spielzeug”, besungen wird oder Sänger sich Freundinnen wünschen, die so winzig sind, dass er sie den ganzen Tag in seiner Tasche herumtragen kann oder sie sich so fett wünscht, dass sie nicht mehr in der Lage ist, das Haus zu verlassen (Milow – You and Me), so lange diskriminierende Witze und Anzüglichkeiten und respektloses Handeln wie Antatschen und Hinterherpfeifen nicht verschwinden, so lange sich Respekt vor dem anderen Geschlecht oder überhaupt vor dem “Anderen”, das einfach anders ist als ich, ganz gleich in welcher Hinsicht, nicht in den Köpfen aller Menschen festsetzt, bringt es auch nichts, Wortkreationen wie “Dotox” oder die “Professx” zu schaffen. Das macht die Professorin, die Mitarbeiterin, die Frau auf der Straße, die Bandarbeiterin bei VW, die Schülerin, die Frauen von der Putzkolonne oder meine Nachbarin auch nicht sicherer vor blöden Sprüchen.
Just my 10 cent.