Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 5

zwielichtbild „Also gut. Ziehen wir los. Wenn wir gut durchkommen, müssten wir in spätestens fünf Tagen am Pass sein. Wir sehen uns dort. Alle.“
Wieder ein Nicken. Amayas trat noch einmal auf Iloyon zu und umarmte ihn fest, dann umarmte er auch Cianthara. „Passt auf euch auf, ihr zwei. Und auf die anderen.“ Seine Stimme klang seltsam gepresst.
„Werden wir. Pass du auf deine Leute auf und bring sie mir alle heil zurück. Wir sehen uns in fünf Tagen am Pass! Möge die Dunkelheit euch schützen.“ Iloyon erwiderte Amayas‘ Umarmung, dann ließ er ihn los.
„Der schützende Mantel der Nacht um euch.“ Amayas nickte ihn noch einmal zu, dann winkte er seiner Gruppe, und sie verschwanden im Unterholz. Nicht lange und noch nicht einmal mehr ihre Schatten waren zu sehen.
Iloyon nickte seiner Gruppe zu. „Also los. Sehen wir zu, dass wir als Erste am Pass sind, ich will Veannan so schnell wie möglich in einem Bett haben.“ Er nahm die Zügel des Pferdes und führte es auf den Waldpfad. Nach wenigen Schritten nahm er eine Abzweigung, um die Lichtkrieger mit einer zweiten Spur zu täuschen. Unterwegs konnten sie sich noch einmal trennen, falls es nötig war. Iloyon hoffte, dass es nicht so weit kommen würde. Er fasste die Zügel fester.
Cianthara schloss zu ihm auf, streifte seine Hand, dann huschte sie an ihm vorbei und übernahm die Vorhut. Liandras folgte ihr, während Malika ein wenig zurückfiel und ihre Rücken deckte. Dirian und Naeve blieben in der Mitte, sie waren noch immer geschwächt und würden Schutz brauchen, sollten sie angegriffen werden.
Doch alles schien ruhig. Vögel zwitscherten in den Bäumen, hin und wieder huschte ein kleines Tier durchs Unterholz. Der Wald wirkte so friedlich. Und doch. Iloyon wusste, dass jeder Baum hier schon Blut getrunken hatte und es nicht viel brauchte, um die Vögel zum Verstummen zu bringen. Angespannt lauschte er, um über den Geräuschen des Waldes das zu hören, wovor er Angst hatte. Hörner. Gesang. Hufschlag und das dumpfe Stampfen marschierender Füße. Das leise Klirren von Kettenhemden unter wattierten Waffenröcken. Das Knarren einer Bogensehne, das verräterische Sirren eines Pfeils. Iloyon konnte die Anspannung seiner Leute beinahe greifen. Sie gingen so leise wie möglich, geschmeidig glitten sie durchs Unterholz.
Die schweren Tritte des Pferdes und das Scharren der Trage kamen Iloyon unnatürlich laut vor. Er winkte Tyuran zu sich heran. „Kannst du was tun, damit dieses Pferd ein bisschen leiser ist? Wenigstens, solange wir noch so nah bei den Lichtheeren sind?“
Der junge Magier grinste breit, seine dunkelblauen Augen funkelten. Iloyon war immer wieder fasziniert, wenn er diese Augen sah. Blau. Nur wenige Dunkelelfen hatten blaue Augen. Die meisten Blauäugigen waren magisch begabt, doch bei Tyuran von einer Gabe zu sprechen, war untertrieben. Der junge Magier war außergewöhnlich talentiert. Die Gilde hatte lange gezögert, doch schließlich hatten sie ihn trotz seiner Jugend zum Heer gehen lassen. Er hatte sich den Kundschaftern bei Iloyon angeschlossen und in der Gruppe sofort alle für sich eingenommen, bescheiden und hilfsbereit wie er war. Das war es, was Iloyon an dem Jungen so schätzte. Er bildete sich nichts ein auf das, was er konnte. Er tat es einfach. Weil er helfen wollte. Jetzt nickte er, trat auf das Pferd und die Trage zu und vollführte eine rasche Geste über dem Gespann. Für einen Moment flirrte die Luft, auf Tyurans Gesicht glitzerten Schweißtropfen. Aber die Schritte des Pferdes wurden leichter, das Scharren der Trage leiser, die Spur, die das Gespann hinterließ, war kaum noch zu sehen.
„Danke.“
Tyuran salutierte. „Dafür bin ich hier, Heerführer.“ Er huschte zurück in die Reihen.
Ja. Und ich wünschte, du wärst ganz weit weg. Zusammen mit Cianthara und Amayas, mit Veannan, Malika … mit all meinen Leuten. Weit weg. An einem Ort ohne Krieg.
Während sie schweigend durchs Unterholz schlichen, kamen Iloyon die alten Fragen wieder in den Sinn. Fragen, die er sich schon so lange stellte, von denen er nicht wusste, wie sie den Weg in seinen Kopf gefunden hatten. Aber sie waren da und hatten sich festgesetzt wie eine Zecke im Fell eines Hundes.
Gibt es auf der anderen Seite auch jemanden, der so denkt, wie ich? Wie Cianthara? Wie Rhian? Und wenn? Warum können wir das Kämpfen nicht einfach sein lassen? Warum können wir nicht mehr aufhören? Wie viele von ihnen wollen das noch? Das ist kein Kampf mehr. Da ist keine Ehre mehr. Wir schlachten uns gegenseitig ab wie Vieh …
„Pfeil!“

Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 4

zwielichtbild Er streifte sich seine Kleider über, wartete, bis auch Cianthara sich etwas angezogen hatte, dann öffnete er die Zeltplane und sah hinaus. Der Morgen dämmerte. Über den Bäumen färbte der Sonnenaufgang den Himmel rot. Bald würde es zu hell für die meisten seines Volkes sein. Nur wenige konnten das Licht der Sonne lange ertragen, und kein Dunkelelf würde es wagen, zu lange ohne die halbdurchsichtigen schwarzen Augenbinden in ihrer Ausrüstung in der Sonne zu sein. Und doch brauchte die Welt das Sonnenlicht. Genauso wie sie die Dunkelheit und die Stille der Nacht brauchte.
Cianthara schob sich neben ihn in den Zelteingang und spähte ebenfalls hinaus. „Es geht nicht“, sagte sie leise. „Licht gegen Dunkel. Dunkel gegen Licht. Wie kann eine Seite denn siegen, wenn das eine immer wieder aus dem anderen entsteht?“
Iloyon zog sie an sich. „Du sprichst meine Gedanken aus, Tian’sha. Du sagst, was ich kaum zu denken wage. Und ich würde sogar noch weitergehen.“
Sie sah ihn an. „Es ist nicht nur so, dass keine Seite gewinnen kann, nicht wahr? Es ist so, dass keine Seite gewinnen darf.“
Iloyon neigte den Kopf. Er musste nichts sagen. Sie würde wissen, dass er dasselbe dachte.
„Was willst du tun?“
Er lachte, bitter und trocken. Was will ich tun? Was kann ich denn tun? Einer allein. Vielleicht mit ein paar wenigen Getreuen, die zu mir stehen, weil sie genauso denken. Aber was können wir tun? Kämpfen? Fliehen? Und dann? Wie können wir nicht kämpfen, wenn um uns herum unser Volk stirbt? Wie können wir das?
„Ich weiß es wirklich nicht.“
Cianthara blieb an ihn geschmiegt sitzen. Gemeinsam beobachteten sie, wie die Sonne höher stieg und das Sonnenaufgangsrot zuerst zu Kupfer, dann zu Gold verblasste, bis schließlich nur noch ein feiner heller Streif zu sehen war. Aus der Ferne hörten sie den Gesang des lichten Heeres, das den Tag begrüßte, während die Dunkelelfen in ihre Zelte krochen oder die schwarze Binden vor ihre empfindlichen Augen schlangen, um den Tag über zu wachen und die anderen zu schützen.
„Wenn sie angreifen, dann am Tag. Sie wissen, dass wir schwach sind, und sie wissen, dass wir nur Kundschafter sind. Ich werde das Lager abbrechen lassen. Wir ziehen uns zurück, nach Norden. Zum Heerverband. Wir liefern unseren Bericht ab, und dann werden wir sehen, was wir tun können.“
„Dann sollte ich mich um das Lazarett kümmern.“ Cianthara zog ihre Stiefel an.
„Glaubst du, du kannst sie überzeugen?“
„Ich muss.“
Iloyon küsste Cianthara noch einmal, dann gingen sie schweigend zum Lagerfeuer, um sich Tee und trockenes Fladenbrot zu holen. Iloyon nahm einen Krug mit zum Graben.
Amayas und seine Wachen erwarteten ihn bereits. Iloyon reichte Amayas den Krug, er trank und reichte ihn weiter.
„Wir brechen das Lager ab.“ Iloyon ließ sich am Grabenrand nieder.
„Ohne Rat?“
„Ich habe die Befehlsgewalt, und ich sage, wir ziehen uns zurück. Seht zu, dass ihr ein wenig ausruht, dann packt eure Sachen zusammen. Ich will, dass alle spätestens heute Mittag abmarschbereit sind.“
Amayas runzelte die Stirn. „Heute Mittag? Du willst am Tag marschieren?“
„Ich will so schnell wie möglich hier weg. Hast du sie singen gehört, als die Sonne aufging?“
Amayas schnaubte. „Unsere Götter hören uns genauso, wie ihre sie hören.“
„Sie fühlen sich zuversichtlich. Sie werden angreifen, ich bin mir sicher. Und ich will, dass sie glauben, dass wir noch da sind, während wir schon einige Meilen weiter nördlich sind.“
„Eine Falle?“
Iloyon lächelte. „Ich wusste, dass dir das gefallen würde. Ich will, dass sie mit dem geräumten Lager genauso viel zu tun haben, als wären wir noch hier. Fallgruben, Stolperseile, Speerfallen, fliegende Pfeile aus dem Nichts. Bereitet so viel, wie ihr könnt, vor, und dann sehen wir zu, dass wir hier wegkommen. Ich rede mit den anderen.“
Amayas nickte. Sein fester Griff schloss sich um Iloyons Unterarm, dann umarmte er ihn. „Ich vertraue dir, Heerführer. Wenn du sagst, es ist besser zu gehen, dann gehen wir.“
Iloyon nickte ihm zu. „Danke, Bruder.“ Seine Fingerkuppen fuhren über die dünne Narbe in seiner linken Handfläche. Brüder in allem, nur nicht im Blut.
Eines Tages hatten sie beschlossen, das zu ändern. Ein scharfes Messer, ein Schnitt, ein fester Griff, ein Schwur. Sie hatten schon immer gespürt, wenn dem anderen Gefahr drohte. Seit diesem Tag wussten sie immer, wo der andere sich gerade befand, wie es ihm ging. Auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren, sie waren Brüder. In allem. Auch im Blut.

II

Iloyon kniff die Augen zusammen und zog die Binde aus locker gewobenem schwarzem Stoff fester um seinen Kopf. Sein Blick streifte über die kleine Truppe, die ihm noch geblieben war, und die nun vor ihm versammelt stand und in die Sonne blinzelte. Hinter ihnen lag das Lager. Sie hatten einige Zelte zurückgelassen und mit Fallen gespickt, im Boden verbargen sich angespitzte Pflöcke und Fallstricke, niemand hatte sich die Mühe gemacht, die Gräben zuzuschütten, im Gegenteil. Sie waren als Fallgruben getarnt, ihre Böden mit Scherben, Spießen und spitzen Pflöcken übersät.
„Es wird sie nicht allzu lange aufhalten, sollten sie uns tatsächlich folgen. Aber was ihr getan habt, ist gute Arbeit. Haltet durch, so lange es geht. Wir müssen dem Heerverband berichten. Und das können wir nicht, wenn die anderen uns schon so nahe sind. Das Risiko, dass sie uns ganz und gar aufreiben, ist zu groß. Wir ziehen nach Norden, aber wir werden uns trennen, falsche Fährten legen und später wieder zueinander stoßen. Eine Hälfte geht mit Cianthara und mir, die andere mit Amayas. Cianthara und ich nehmen die Schwerverwundeten mit. Finden wir uns unterwegs nicht, treffen wir uns beim Lager des Heerverbandes. Seid ihr bereit?“
Naeve grinste ihn an. Sie hatte ein Auge verloren, trug noch einen blutigen Verband über der leeren Höhle und stützte sich auf ihren Kampfstab. „Kein bisschen. Aber alles ist besser, als hier von ihnen in den Boden getrampelt zu werden.“
Zustimmendes Gemurmel folgte den Worten der Kundschafterin.
Iloyon nickte. „Also gut. Teilen wir uns auf. Wir ziehen nach Nordosten, Amayas, ihr geht erst einmal nach Nordwesten. Wenn alles glattgeht, sehen wir uns an den Singenden Felsen und ziehen von dort die Küste entlang zum Traverran-Pass.“
Amayas nickte. Zügig wählte er seine Leute, die anderen scharten sich um Cianthara und Iloyon. Rhian, die Feldscherin, schloss sich Amayas an, damit jede Gruppe zumindest einen Heilkundigen dabei hatte, auch die beiden Kriegsmagier trennten sich. Sirisa schloss sich Amayas an, Tyuran blieb bei Iloyon. Iloyon war froh darüber. Er fühlte sich für den jungen Mann verantwortlich. Magisch hochbegabt oder nicht, ein halbes Kind wie Tyuran sollte in der Sicherheit der Gilde sein, er war viel zu jung, um in den Krieg zu ziehen. Doch Gerüchte behaupteten, um Tyuran vom Feld fernzuhalten, hätte man ihn festketten müssen, und auch dann hätte er sich freigezaubert. Er wollte kämpfen, also sorgte Iloyon dafür, dass er ein Auge auf den jungen Magier haben konnte, wenn er ihn schon nicht dazu bringen konnte, in Sicherheit zu bleiben.
Iloyon bemerkte, wie Cianthara mit sorgenvollem Blick auf die Trage sah, die Liandras und Malika hinter eines der wenigen Pferde gespannt hatten. Veannan war noch zu geschwächt, um selbst marschieren zu können. Mit dem Pferd würden sie schneller vorankommen, zumindest dort, wo das Buschwerk nicht zu dicht war. Der Kundschafter klagte nicht, aber Iloyon hatte seine Wunden gesehen und wusste, dass Veannan Schmerzen hatte, auch wenn er mehr Mohnsamen gekaut hatte, als für einen Mann gut sein konnte.
Zu spät, wir können nicht mehr zurück.
„Bereit?“
Die Truppe nickte wie ein Mann.

EBook-Serie: Romy Wolf – Die Spione von Edinburgh

spione01 Die Spione von Edinburgh – inzwischen sind drei Episoden der spannenden Reihe meiner Autorenkollegin und Freundin Romy Wolf erschienen und eine ist spannender als die andere. Das Cover der ersten Episode “Thimble House” steht hier stellvertretend für die Reihe. Die weiteren bisher erschienenen Episoden tragen die Titel “Metamorphose” und “Nachtmahr”.

Geheimdienste haben ein Faible für Abkürzungem, so ist es nicht verwunderlich, dass auch das Royale Institute of the Paranormal seinen Namen nicht immer vollständig ausschreibt und sich mit der Buchstabenkombination “R.I.P.” begnügt.
Ada und Ollie hatten nie vor, Agenten zu werden. Beide stammen aus bescheidensten Verhältnissen. Ollie ist Kind einer Arbeiterfamilie, arm und durch Lähmung und Krankheit ans Bett gefesselt, Ada eine Waise, das Mädchen ohne Vergangenheit, die von Ollies Familie wie eine Tochter aufgezogen wird. Als Ada eine Anstellung in dem geheimnisumwitterten Thimble House annimmt, ahnt sie nicht, auf was sie sich einlässt. Wer ist der seltsame junge Mann, den die beiden ältlichen Schwestern im Dachgeschoss gefangen halten, warum ist er wahnsinnig, und was hat er mit der verstorbenen Tochter einer der Schwestern auf sich? Als Ada und Ollie immer häufiger von eigenartigen Todesfällen rund um Thimbe House in der Zeitung lesen, beginnen die jungen Leute, nachzuforschen -und decken ein grausiges Geheimnis auf. Ungeklärt bleibt allerdings die Frage: Wer ist die mysteriöse “Professorin”, von der der wahnsinnige Thaddeus spricht? Und warum sagt er, er kenne Ada aus dem Waisenhaus?
Adas und Ollies Aktivitäten und der Spuk von Thimble House gehen nicht an Laurence Mayfair, dem Leiter des R.I.P., vorbei. Die Episode “Thimble House” endet damit, dass Mayfair den beiden jugendlichen Detektiven eine Stelle anbietet- im Institut. Ada und Ollie nehmen an.

In “Metamorphose” sind die beiden jungen Helden aus Thimbe House bereits einige Zeit am R.I.P. Während Ollie sich hervorragend integriert fühlt, hat Ada trotz ihrer übersinnlichen Gabe nicht das Gefühl, wirklich dazuzugehören, vor allem nicht, als sie merkt, dass sich Ollie anscheinend zu der hochintelligenden Technikerin Maggie hingezogen fühlt, und Institutsmitarbeiter Finley sie allem Anschein nach nicht ausstehen kann. Dennoch stellt Ada auf Mayfairs Anweisung hin gemeinsam mit Finley Nachforschungen im Hafen an, nachdem Finley eine Kreatur, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, aus einer misslichen Lage befreit hat: den Meermann Lear, halb Mensch, halb Robbe. Bei dem Versuch, Lears geheimnisvolle Herkunft aufzudecken, stoßen Ada und Finley auf ein grauenhaftes Experiment, vielfachen Mord, und wieder stolpern sie über die geheimnisvolle “Professorin”.
Finley, der sich freundschaftlich zu Lear hingezogen fühlt, ermöglicht es dem Meermann, im Institut zu bleiben, und verspricht ihm, weitere Meermenschen zu suchen, von denen Lear glaubt, dass sie noch leben könnten.

“Nachtmahr” beginnt einem mysteriösen Telegramm und den verstörenden Eindrücken eines Menschen, der sich offensichtlich nicht mehr an Dinge erinnern kann, die er des Nachts treibt. Etta, ehemaliges Mitglied des Instituts und Empfängern des Telegramms, vermutet hinter dem Absender ihren verschwundenen Mann Richard und bittet Mayfair um Hilfe. Während sich die Agenten der Suche nach dem “Nachtmahr” widmen, der nachts Frauen überfällt, kommen Finley und Lear einander immer näher, während die Spannungen zwischen Ada, Ollie und Maggie wachsen – und auch zwischen Etta und Maifair scheint mehr zu sein als auf den ersten Blick offensichtlich. “Nachtmahr” ist die bisher düsterste Episode und endet mit einem sehr bösen Cliffhanger, der Lust auf mehr macht.

Als Leser merke ich, wie sehr Romy Wolf Serien liebt und dass sie sich am Beispiel von Fernsehserien wie Supernatural oder Lost orientiert haben mag, als sie ihre “Spione” plante. Mir gefällt der spannende Schreibstil, der Gefühle transportiert, ohne jemals ins Kitschige abzugleiten (ganz besonders gut haben mir da in “Nachtmahr” die Szenen zwischen Lear und Finley gefallen). Dazu beherrscht Romy Wolf die Kunst, jeder Episode einen eigenen Spannungsbogen zu geben und dazu noch einen weiteren Spannungsbogen aufzubauen, der sich über die Episodengrenzen erstreckt, indem sie ihre Leser immer weiter anfüttert und man schließlich nur noch fingernägelkauend wissen möchte, was es mit diesem Waisenhaus auf sich hat und wer zum Henker denn nun diese “Professorin” ist.
Daher meine inständige Bitte an Romy und den Weltenschmiede-Verlag: Bitte macht weiter mit den Spionen, ihr habt einen Fan. *schwenkt ein R.I.P.-Fähnchen*

Von der Idee zum Roman: Der rote Faden

Früher war ich Bauchschreiber. Jetzt plotte ich doch.

Kennt ihr das auch? Da ist diese tolle Idee, man legt los mit dem schreiben, hat einen tollen Anfang und weiß auch so ungefähr, wie es enden soll, und dann passiert es: der Mid-Book-Blues, das leere weiße Land auf der Karte, das die Mitte des Buches darstellt. Und da ist: nichts. nachdem es mir schon einige Male so gegangen ist, bin ich jetzt doch unter die Plotter gegangen.

Plotten? Was ist das eigentlich?

Im Grunde nichts weiter, als den roten Faden der Geschichte festzulegen, wenigstens in groben Zügen zu notieren, was wann wo und wie passieren soll. Das kann ein Fahrplan sein, der nur die wichtigsten Stationen des Romans festhält, ein Exposé, das die Handlung umreißt oder viele kleine Kapitel-Exposés oder Szenenzusammenfassungen, die ganz genau darstellen, was in welcher Szene passieren soll.
Möglichkeiten zum plotten gibt es viele – einige bevorzugen es ganz akribisch, detailreich und genau und arbeiten mit der Schneeflockenmethode. Mir persönlich ist das zu viel Arbeit. Ja, ich bin eine bekennende faule Plotsau und arbeite lieber mit einem knappen Leitfaden oder wenn’s hochkommt Kapitel-Exposés.

Dabei vergleiche ich meinen Roman immer ein wenig mit einer Oper und unterteile in “Akte”, wobei ich allerdings mein eigenes Konzept benutze und mich nicht unbedingt an die Aktaufteilung aus Schreibratgebern halte.
Im ersten Akt stelle ich meine Protagonisten vor, ihre Welt, ihr Leben. Ein Konflikt sollte sich schon von Anfang an abzeichnen, also gehört auch die Vorstellung des Antagonisten schon hierher, denn der Konflikt oder das Konfliktpotential ist es, das den Leser bei der Stange hält und was das Buch spannend macht.
In den zweiten Akt, die “schwierige Mitte”, sollte ein Wendepunkt, ein großer Knall, etwas, das den Protagonisten komplett von den Füßen reißt. Hier kann man sich als Autor austoben und seinem Ruf als “Figurenquäler” gerecht werden. Der Leser soll mitleiden, darum ist es mir wichtig, immer ganz nah am Protagonisten zu sein und seine Situation nicht nur von außen zu beschreiben. Den Höhepunkt de Geschichte, die Stelle, an der es den Figuren am dreckigsten geht und an der alles auseinanderzufallen droht, lege ich gern ans Ende dieses zweiten Aktes.
Im dritten Akt, zum Ende hin, lösen sich die Fäden dann auf. Gibt es ein happy ending? Oder zumindest die Aussicht darauf? Finden meine geschundenen Figuren Frieden? Wie löst sich alles auf, welche Fragen werden beantwortet, welche bleiben eventuell sogar unbeantwortet? Diese Fragen sind es, die die Option auf eine Fortsetzung offen lassen.
Als Leser brauche ich persönlich nicht unbedingt ein happy ending im Sinne von “alles ist gut, alles ist rosa und alle freuen sich und haben sich lieb”. Ich möchte ein Ende, das mich zufriedenstellt. Das kann durchaus auch ein Ende sein, das den Tod einer liebgewonnenen Figur enthält oder eine Wendung, die nicht den kompletten Frieden bringt, ihn aber in Aussicht stellt.

Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 3

zwielichtbild Iloyon erwachte von einer heftigen Bewegung neben sich. Cianthara regte sich unruhig im Schlaf, sie zitterte, ihre ausgestreckte Hand schien nach etwas zu greifen, das nur sie sehen konnte, ihr Mund war zu einem stummen Ruf geöffnet. Iloyon nahm ihre Hand.
„Cianthara. Tien’sha. Wach auf!“ Er rüttelte sie sanft.
Mit einem Keuchen öffnete sie die Augen und starrte Iloyon an, als würde sie durch ihn hindurchsehen.
Iloyon hielt den Atem an. Ihre Augen. Sie waren so voller Schmerz, Sehnsucht und Angst, dass es ihm ins Herz schnitt. „Ich bin da, Tien’sha. Alles ist gut, ich bin da. Was hast du?“
„Iloyon.“ Sie ließ sich in die Felle zurücksinken und schmiegte sich an ihn. „Ich hatte wieder diesen Traum.“ Sie atmete tief durch. „Ich habe immer wieder denselben Traum. Seit Wochen schon. Und ich verstehe einfach nicht, was er mir sagen will.“
„Dann teile ihn mit mir. Vielleicht finden wir es gemeinsam heraus.“ Iloyon strich ihr sacht über den Rücken und hielt sie in seinem Arm. Diese ewige Müdigkeit macht uns allen zu schaffen. Wenn Cianthara sich nicht bald vollständig ausruhen kann, werden wir sie verlieren …
Er erinnerte sich nur zu gut an die Geschichten, die man sich im Heer erzählte. Schon viele Heiler hatten sich vollkommen aufgegeben, während sie versuchten, ihre Waffengeschwister vor dem sicheren Tod zu bewahren. Einige hatten in ihrer Erschöpfung den Verstand verloren und sich wie Wahnsinnige in die Schlacht gestürzt. Iloyon hatte selbst so einen Heiler gesehen.
Hört auf! Hört auf zu kämpfen! Bitte. Hört doch endlich auf.
Immer wieder hatte der Heiler diese Worte geschrien, dann war er gefallen, durchbohrt von Pfeilen mit hellen und dunklen Federn – Pfeilen beider Seiten. . Noch jetzt sah Iloyon den Gefallenen im Schlamm liegen, der vom Blut aller Völker getränkt war. Iloyon biss sich auf die Lippe. Niemals sollte Cianthara das Schicksal dieses Heilers teilen. „Erzähl mir davon.“
„Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Ich sehe immer dieselben Bilder. Einen Vollmond, der langsam zum Neumond abnimmt. Eine Weile steht am Himmel ein schwarzer Mond, dann nimmt er wieder zu, ich sehe eine Mondsichel, über der Sterne tanzen. Die Sterne scheinen hell, ich habe noch niemals Sterne so leuchten sehen. Und sie weinen. Tropfen fallen von ihnen herab und berühren die Erde. Aber es ist kein Wasser, das von den Sternen fällt. Es ist blausilbernes Feuer, wunderschön. Dann sehe ich mich selbst unter diesem Feuerregen tanzen, ich bin nackt, aber ich friere nicht. Ich fühle mich geborgen. Die Sterne singen für mich. Und dort, wo ihr Feuerregen mich berührt, bleiben auf meiner Haut silberne Male zurück. Ich will immer weitertanzen, ich will all diese Feuertropfen auffangen. Mir ist, als würde ich mit jedem Tropfen, der mich trifft, stärker. Der Wind spielt mit meinem Haar, er singt ein Lied von Wärme und Liebe. Ich habe keine Angst. Ich fühle mich unglaublich wohl. Ungebunden und frei. Stark, schön und stolz. Ich weiß auf einmal ganz genau, wer ich bin, was ich kann und warum ich lebe, alles ist so klar. Aber dann ändert sich alles wieder, ich stehe auf dem Schlachtfeld, um mich herum sterben meine Gefährten, und ich stehe bis zu den Knien in Schlamm und Blut. Über mir vergeht das Feuer der Sterne. Es kann nicht alle Verwundeten heilen. Ich bleibe zurück und strecke die Hand nach dem Mond aus, der nun wieder schwarz ist, und ich flehe die Sterne an, zurückzukommen. Aber sie kommen nicht wieder. Ich bin allein. Und um mich sterben alle.“ Sie schluckte.
Iloyon sah die Tränen, die sie wegblinzeln wollte. Sacht strich er sie weg. „Ich glaube, du siehst, was ich tief in mir fühle. Ich frage mich schon seit langem, ob überhaupt noch irgendjemand weiß, wofür wir eigentlich kämpfen. Worum geht es? Lichtelfen gegen Dunkelelfen? Tag gegen Nacht, hell gegen Dunkel?“


BannerLust auf noch mehr Romanhäppchen? Meine Autorenkollegin Tanja Rast stellt in ihrem Blog ihren Roman “Stadt im Schnee” in mundgerechten Häppchen ein. Viel Spaß beim lesen!

Cairiel Ari: Der Herr der schwarzen Schatten

Als der Schreiber Okladre den gefangenen Herrn der Schwarzen Schatten Draye im Kerker aufsucht, um sich seine Lebensgeschichte berichten zu lassen, ist Draye kaum mehr als ein Schatten seiner Selbst. Auf die drängende Bitte des Schreibers hin lässt sich der gefallene Rebellenführer darauf ein, seine Lebendgeschichte zu erzählen – und erzählt eine Geschichte von Verlust, Krieg und Verrat.

Draye, damals noch Thaera, ist der Ayre, der Kaiser – und doch ist er es nicht, wie er nach kurzer Regentschaft erfahren muss. Schon seit Jahren befindet sich seine Heimat unter dem Einfluss des Nachbarreiches Ledapra, seine eigenen Soldaten sind Mörder und Räuber, seine Mutter gefangen. Thaera fühlt sich wie aus einem Traum aufgeschreckt, als er erkennt, dass sein bisheriges behütetes Leben aus Samt, Seide und Reichtum nichts als eine Lüge ist. Die Wahrheit erschüttert ihn, zerbricht ihn beinahe – doch dann setzt eine interessante Entwicklung ein, die Cairiel Ari glaubhaft in seinem Roman beschreibt: die Entwicklung des verzärtelten Marionettenkaisers zum bissigen Rebellenführer, den die Ledaprer irgendwann so sehr fürchten, dass sie alles daransetzen, ihn mundtot zu machen und ihn zu zerbrechen.
Schließlich ist es Verrat aus den eigenen Reihen, der Draye zu Fall bringt, doch sei hier nicht verraten, wer der Verräter ist, das sollte jeder interessierte Leser am besten selbst herausfinden.
Am Ende bleibt der Leser mit einigen Fragen zurück, auch wenn das Ende ihn zufriedenstellen wird. Ich zumindest warte sehr gespannt auf die Fortsetzung.

Das Buch ist spannend geschrieben, Cairiel Ari hat einen flotten, lockeren Schreibstil, der es mir leicht gemacht hat, immer aufmerksam bei Draye und seinen Freunden zu bleiben. Möge die Fortsetzung nicht zu lange auf sich warten lassen.