Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 11

zwielichtbild Näher und näher pirschten sie sich an den Felsen heran. Als das Gestrüpp zu spärlich wurde, krochen sie wie Schlangen durch das hohe Gras. Der Wachposten verschwand aus ihrem Blickfeld, kurz darauf tauchte er auf einem etwas tiefer liegenden Felsen wieder auf. Er hielt einen Bogen in der Hand. Der Wind trug Stimmen mit sich. Es waren mindestens drei Männer, sie sprachen elfisch.
Iloyon duckte sich. Naeve schloss zu ihm auf, sie sah ihn fragend an.
„Wir können nicht direkt auf die Felsen zukriechen. Ich war schon einmal hier… sie sind zerklüftet und voller Höhlen, wahrscheinlich halten sie die anderen dort gefangen. Ein wenig abseits kommt man einen Ziegenpfad hinauf, sehr unübersichtlich, wenn man auf ihn hinabschaut, aber wir haben nach oben einen freieren Blick. Komm.“
Sie huschten weiter, krochen, schlängelten sich durchs Gras. Der Posten schien sie nicht zu bemerken. Iloyon biss die Zähne zusammen. Er war müde, sein Körper protestierte gegen die unbequeme Art, voranzukommen, aber er hatte keine Wahl. Irgendwo dort war Amayas, waren seine Freunde, und er musste etwas tun.
Die Felsen schienen zum Greifen nah.
Iloyon winkte Naeve, er kroch einen Bogen und näherte sich der Formation von der Seite. Der Wind rauschte in den seltsamen, von Meer und Sand ausgewaschenen Formen, und dämpfte das Rascheln ihrer Bewegungen im Gras. Singende Felsen. Singt, damit sie uns nicht hören.
Hinter einer kleineren Steinformation richtete Iloyon sich halb auf und spähte nach oben. Er horchte. Stimmen im Wind, und immer wieder gedämpfte Schreie. Er zögerte. Naeve vermutete eine Falle und sie hatte sicher Recht. Der Pfad öffnete sich ein Stück vor ihnen zwischen den Steinen, ein Hohlweg durch eine Schlucht. Iloyon nahm die kleine Armbrust, die er immer mit sich führte, vom Gürtel, legte einen Bolzen ein und kroch weiter zum Pfad. Naeve folgte ihm. Er hörte, wie sie ein Wurfmesser in ihre Hand gleiten ließ. Ohne Schwierigkeiten erreichten sie den Hohlweg. Niemand war da, der Zugang war unbewacht.
Falle. Naeves Lippen formten das Wort lautlos. Iloyon nickte. Trotzdem ging er weiter. Er konnte nur hoffen, dass Cianthara und die anderen ihnen schnell gefolgt waren. Sie würden Hilfe brauchen, wenn hier mehr als nur zwei oder die Wachposten der Lichtelfen waren. Steine knirschten unter ihren Füßen, als sie weiter schlichen. Die Dämmerung brach nun mit Macht herein. Iloyon nahm seine Augenbinde ab und stopfte sie in die Hosentasche, Naeve tat hinter ihm dasselbe. Weiter oben sahen sie Feuerschein, als anscheinend rund um ein kleines Felsplateau Fackeln angezündet wurden. Wieder erklang ein Schrei. Iloyon zuckte zusammen, der Schrei brachte Schmerzen mit. Naeve nahm seine Hand, als er losrennen wollte.
„Nicht.“
„Ich weiß. Ich kann nicht, Naeve. Sie quälen ihn. Ich muss zu ihm, ich muss!“
„Dann sterben wir beide.“
Er schluckte. Langsam löste er seine Hand aus ihrer und schlich langsam weiter. Jetzt konnte er sie sehen. Es waren drei, oben auf dem Plateau. Einer von ihnen trug die silberne Rüstung des Elfenheeres, die anderen Kettenhemden, die bei jeder Bewegung leise klirrten. Iloyon hob seine Armbrust. Zumindest einen musste er von hier doch erwischen können! Er sah, wie Naeve ihr Messer fester fasste und blinzelte. Er konnte nur ahnen, wie sehr sie sich gerade ihr Auge zurückwünschte.
„Auf drei“, flüsterte er und deutete auf sein Ziel, dann begann er, zu zählen, und schoss. Im gleichen Augenblick löste sich auch das Messer von Naeves Hand, während er die Armbrust nachlud, suchte sie nach der nächsten Klinge. Der Bolzen fand sein Ziel. Wie erstarrt blickte der Gerüstete auf seinen Arm, ein erstickter Laut löste sich von seinen Lippen, dann brach er zusammen und verschwand aus Iloyons Sichtfeld. Ein anderer hielt sich das Bein, jemand brüllte einen Alarmruf. Iloyon lächelte. Er wusste, dass der Getroffene sich jetzt in Krämpfen am Boden wand und das noch mehrere Atemzüge lang tun würde, bis endlich der Tod kam und ihn von den Qualen des Giftes erlöste.
„Weiter!“ Er stürmte den Pfad hoch, die letzten paar Schritte ging er wie auf einer Treppe. Oben schoss er noch einmal, wieder ging jemand zu Boden – und er sah sich Elfen gegenüber, nicht nur dreien oder vieren, nein, es waren mindestens zehn. Er blieb stehen. Naeve war nicht hinter ihm, gut. Hoffentlich blieb sie zurück.
Einer der Elfen trat vor. Sein Lächeln war ein Sonnenstrahl auf frisch gefallenem Schnee, seine Augen so kalt und blau wie Gletschereis. Iloyon sah seinen Blick kurz über die Getroffenen schweifen. Beinahe abfällig sah er die Männer an, die unter der Wirkung des Giftes unter Krämpfen ihre letzten Atemzüge taten. Niedergehalten von ihren Kameraden schlugen sie um sich, ihre Fersen trommelten auf den Boden, zuerst stand ihnen Schaum vor dem Mund, dann floss Blut. Und dann lagen sie still.

Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 10

zwielichtbild „Iloyon!“
„Was ist los?“ Naeve schälte sich aus ihrem Umhang und blinzelte.
„Amayas und die anderen stecken in Schwierigkeiten!“ Iloyon stieß sein Schwert in die Scheide und warf sich seinen Umhang über. „Ich werde vorausgehen, und …“
„Nicht allein.“ Naeve war wie der Blitz auf den Beinen und hatte in Windeseile ihre Sachen zusammengepackt. „Ciantha, ich gehe mit ihm.“
„Naeve, nein. Ich gehe alleine.“
„Und ich sage, ich gehe mit dir, Heerführer. Bring die anderen heil weiter, Schwester!“ Naeve glitt an Iloyons Seite.
Cianthara lächelte und drückte ihre Hand. „Pass auf ihn auf.“
„Pass du auf die anderen auf, Heilerin!“
Iloyon nickte widerstrebend. „Also gut. Bei den Felsen, Tien’sha. Naeve, wir gehen. Aber ich werde keine Rücksicht auf dich nehmen. Entweder du folgst oder du bleibst zurück und lässt dich von den anderen einsammeln.“
Naeve sagte nichts, sie hob nur trotzig das Kinn. Iloyon nickte ihr zu.

Es gefiel ihm nicht, die anderen in Ciantharas Obhut allein zu lassen, aber er hatte keine Wahl. Die unsichtbaren Messer waren immer noch da, ein dumpfes Echo eines Schmerzes, der nicht sein eigener war und von dem er noch nicht einmal wusste, ob er von einer Wunde stammte oder den Widerhall tiefer Angst, Erschöpfung oder heller Panik darstellte. Das Einzige, was er wusste, war: Amayas lebte und er war in Gefahr.
„Weißt du, wohin?“ Naeve hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten.
Iloyon nickte nur. Er lief, so schnell Tageslicht und Unterholz es zuließen, in Richtung der Singenden Felsen. Amayas und die anderen mussten dort vorbeikommen, genau wie er, wenn er zum Traverranpass wollte. Wenn sie noch nicht dort waren, konnten sie nur auf dem Weg dahin aufgehalten worden sein. Er hatte geplant, die Felsen bei Anbruch der Nacht zu erreichen. Jetzt würde er schneller sein, ohne das Pferd, ohne den verwundeten Veannan. Es war ihm gleich, ob sie Spuren hinterließen. Er lief, schaute nicht zurück, ob Naeve ihm folgte, aber er hörte ihren Atem, ihre Schritte, sie klebte an ihm wie eine Zecke.
Iloyon gönnte sich und Naeve keine Rast. An einem Bach tranken sie und füllten ihre Wasserbeutel, gegen den Hunger halfen notdürftig ein paar Handvoll im Laufen abgerissene Beeren. Seit gefühlt mehreren Stunden waren sie durch dichtes Unterholz, über Lichtungen und buschwerkbewachsene Ebenen geeilt, als Iloyon den Schrei hörte. Er blieb so abrupt stehen, dass Naeve gegen seinen Rücken prallte.
„Still!“ Er hob die Hand, als Naeve zu einem Fluch ansetzte, und sie schwieg und lauschte ebenfalls. Noch ein Schrei, diesmal endete er in einem Gurgeln.
„Verdammt!“ Iloyon ballte die Hände zu Fäusten. Der Schmerz war wieder da, tief und dumpf in seinem Inneren. Amayas. Verdammt, Amayas, was machen sie mit dir?
„Da …“ Naeve deutete zu den Felsen, die sich in einiger Entfernung dunkel vom Sonnenuntergangsrot des Himmels abhoben. Vögel kreisten über ihnen, und in der Ferne konnte Iloyon das Rauschen des Meeres hören. Iloyon lauschte. Jetzt war es still, nur das Atmen des Waldes war um sie herum, und deb fernen Wellenschlag der See. Er wandte sich zu Naeve und winkte ihr. Sie nickte. Stumm schlichen sie weiter durch das Unterholz näher auf die Felsen zu. Hier endete der Wald in einer weiten Ebene. Ein paar vereinzelte Bäume standen noch da, ein paar Büsche, aber sonst war dort nichts als hohes, wogendes Gras. Bis zu den Felsen mochte es noch zwei gute Wegstunden sein, aber diese Zeit hatten sie nicht. Iloyon zog ein Messer, ritzte einige Zeichen in die Rinde eines auffallend silberblättrigen Baumes, dann deutete er auf die Büsche und lief los. Er konnte nur hoffen, dass Cianthara die Zeichen finden würde, wenn sie und die anderen ihnen nachkamen. Hinter sich hörte er Naeves Fußtritte. Sie liefen von Baum zu Baum, von Busch zu Busch, von Deckung zu Deckung. Immer wieder schaute Iloyon zu den Felsen. Und dann sah er die Gestalt, die sich gegen den roten Himmel abhob. Hochgewachsen und schlank, Licht brach sich auf schimmerndem Metall.
„Eine Wache. Wir kommen nicht nah genug an die Felsen heran, ohne dass er uns sieht.“ Iloyon ließ sich hinter einem Strauch auf den Boden fallen und spähte zu den Felsen.
Naeve kniete sich neben ihn. „Was, wenn es eine Falle ist?“
„Sie haben Amayas. Ich werde ihn nicht im Stich lassen. Ich weiß, dass sie ihn haben, und ich weiß, dass er verletzt ist.“
„Aber genau darauf spekulieren sie doch. Dass du kommst, um ihn herauszuhauen. Sie wollen nicht ihn, sie wollen keinen von uns, sie wollen dich. Und das würde Amayas nicht wollen.“
Iloyon schnaubte. „Mir ist es gleich, was er will. Ich weiß, was ich will. Und ich werde nicht ohne ihn und die, die bei ihm waren, von hier weggehen.“
Naeve schluckte. „Sie sind schon so nah am Pass … was, wenn das Heer dort schon gar nicht mehr ist?“
„Dann kann uns das doch egal sein, nicht wahr?“ Iloyon sah sie an.
Sie nickte.
„Komm weiter.“

Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 9

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III

Drei Tage und drei Nächte zogen sie durch die Wälder Richtung Pass, ohne dass ihnen noch einmal Lichtkrieger begegneten. Iloyon traute dem Frieden nicht und ließ immer wieder einen von den anderen kundschaften, aber sie fanden keine Spuren des gegnerischen Heeres. Cianthara kümmerte sich um die Verwundeten, wenn sie lagerten. Veannan erholte sich ein wenig, auch wenn die Rast jedes Mal kurz war und sie nicht viel Schlaf bekamen.
„Morgen erreichen wir den Pass, wenn wir weiter so gut vorankommen.“ Iloyon stocherte in dem kleinen Lagerfeuer, um das sie sich geschart hatten. Sie lagerten tagsüber und reisten nachts. Am Tag war es für die Feinde schwerer, das kleine Kochfeuer zu erkennen, auch wenn es eher wahrscheinlich war, dass die Lichtkrieger am Tag angriffen als bei Dunkelheit.
Cianthara lehnte sich an Iloyon. „Ich traue dem Frieden erst, wenn wir den Pass erreicht haben.“ Ihr Blick schweifte über die zusammengerollten Gestalten rings um das Feuer. Die anderen hatten sich in ihre Umhänge gewickelt und versuchten, vor der letzten Etappe noch ein wenig auszuruhen, sie hatten die Kapuzen vor ihre Gesichter gezogen und jeder eine Waffe griffbereit neben sich liegen. Iloyon hielt sein Schwert auf den Knien, Cianthara hatte ihren Dolch in der Scheide gelockert. Sie zog eine Wurzel aus dem Feuer, wedelte sie ein paar Mal durch die Luft und biss dann vorsichtig ein Stück ab, bevor sie sie an Iloyon weiterreichte. Sie aßen schweigend.
„Tien’sha?“ Cianthara warf den Rest der Wurzel ins Feuer.
„Hm?“
„Als wir … als du den anderen von deinem Plan erzählt hast … sag mir, hast du da etwas gespürt?“
Iloyon sah auf. „Was meinst du?“
„Den Wind. Ich hörte ein Lachen im Wind. Es war dasselbe Lachen wie in meinem Traum.“
Iloyon spürte, wie sie zitterte. Er legte einen Arm um sie. „Bist du sicher?“
„Ganz sicher. Es klang wie in diesem Traum. Wenn ich im Mondlicht unter dem Feuerregen tanze, fliegt dieses Lachen im Wind.“ Sie schmiegte sich enger in Iloyons Arme. „Werde ich wahnsinnig?“
Iloyon schüttelte den Kopf. „Ich habe es auch gehört, Tien’sha. Als der Wind in den Bäumen rauschte, habe ich vernommen, wie jemand lachte. Dunkel. Es klang seltsam … warm.“
Sie nickte. „Können in einer Welt wie dieser Träume wahr werden? Und wenn ja … was bedeuten sie dann für uns?“
„Ich weiß es nicht, Tien’sha.“ Er küsste ihr Haar.
„Steht dein Plan fest? Wirst du wirklich nicht zum Heer zurückkehren?“
Iloyon schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich werde nicht zurückgehen, ich werde meinen eigenen Weg finden, allein, wenn es sein muss, aber ich werde keinen Schwertstreich mehr in diesem Krieg führen.“
„Du gehst nicht allein. Ich bleibe bei dir. Ich gehe, wohin du gehst, und wenn das bedeutet, als Gejagte in der Wildnis zu leben, dann sei es. Naeve wird auch mitkommen. Vielleicht auch Dirian. Malika und Liandras …“
Iloyon legte einen Finger auf ihre Lippen, dann küsste er sie. „Sie sollen ihre eigene Entscheidung treffen. Sie alle sind meine Freunde, aber ich kann sie nicht zwingen, etwas zu tun, was vermutlich der reinste Wahnsinn ist.“
Cianthara grinste. „Ich bin gern wahnsinnig, solange ich dabei an deiner Seite sein kann.“
„Ich liebe dich.“ Iloyon küsste sie noch einmal, dann schwieg er und lauschte auf das Rauschen des Windes in den Blättern. Er suchte das Lachen, aber er fand es nicht. Auch Cianthara schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen, aber Iloyon wusste, dass sie hellwach war und auf jedes kleinste Geräusch achtete. Auch er horchte.

Der Schmerz kam wie ein Schwertstreich aus dem Nichts. Iloyon keuchte und krümmte sich zusammen, als unsichtbare Messer in seine Inneren zu wühlen begannen.
„Tien’sha!“ Cianthara löste sich von ihm, nahm seine Hände.
„Amayas!“ Er holte zitternd Atem. „Etwas ist passiert … Amayas … die anderen … etwas stimmt nicht, ich weiß es!“
„Was ist mit dir? Bist du in Ordnung?“
„Ja. Ja, es ist nur das Echo …“ Er rieb die Narbe in seiner Hand. Sie brannte. „Ich werde vorausgehen. Du gehst mit den anderen weiter und wartest an den Singenden Felsen auf mich.“
„Iloyon…“
„Shhhh. Bitte, Tien’sha, tu, was ich dir sage. Weck die anderen, zieht vorsichtig weiter, lasst euch nicht sehen, geht Kämpfen aus dem Weg. Wir sehen uns bei den Singenden Felsen. Versprochen.“ Er küsste sie rasch, sie schlang die Arme um ihn und hielt ihn fest.

Eileen Raven Scott: Feuerküsse

Feuerkuss Wasser trifft Feuer. Halbdämonin aus der Hölle trifft Meerelf. Es ist Liebe auf den ersten Blick, aber sie scheint chancenlos: Aruni, Tochter einer Höllendämonin und eines Menschen, wird von ihrem Halbbruder Lierd in die Hölle zurückgescheucht, noch bevor sie und der sexy Meerelf Ilvio überhaupt etwas aufbauen können. Dennoch ist Ilvio sicher: er will keine andere Frau als Aruni, die ihn auf einer Halloweenparty mit ihrem Tanz und ihren Küssen bezaubert hat. Ilvio, der eigentlich in die Menschenwelt gekommen war, um sich für neue Musik für die Tänze der Meerelfen inspirieren zu lassen, jagt nun nicht die Töne, sondern Lierd und seine geliebte Aruni. Hilfe erhält er dabei von Arunis Katze Ash, die sich bei näherem Hinsehen als eine Gestaltwandlerin entpuppt.
Eileen Raven Scott erzählt ihre Geschichte temporeich, ohne sich mit zu vielen Beschreibungen aufzuhalten. Einerseits hält das den Roman spannend, andererseits hätte ich mir gerade bei Aruni und Ilvio etwas mehr Charaktertiefe gewünscht und einen etwas intensiveren Blick auf die unterschiedlichen Welten, aus denen sie stammen, denn Aruni und Ilvio haben durchaus das Potential, mehr zu sein als das, was sie im Roman von sich preisgeben.
Dennoch habe ich das Buch gern gelesen und war schon nach knapp zwei Tagen komplett durch. Ich frage mich, ob eine Fortsetzung geplant ist, in der man mehr über Aruni und Ilvio und Hölle und Meer erfährt – ich würde mich freuen.

D. Fries: Chroniken des Lichts 2: …und der Spaß geht in Venedig weiter

Lichtkrieger2 Venedig, Stadt der Gondeln, Brücken und Kanäle. Hierher verschlägt es die frischgebackenen Lichtkrieger Rafe und Jenny, die dort Seelen von Verstorbenen helfen sollen, ihren Weg ins Jenseits zu finden. Doch wie schon fast erwartet, kommt es erstens anders und zweitens, als man denkt. Das Chaos beginnt, als Jennys chaotische Schwester auftaucht und Jenny und Rafe kurzerhand als Baby-und Hundesitter engagiert. Von jetzt auf gleich haben die Lichtkrieger nicht nur die rastlosen Seelen an der Backe, sondern auch ein Baby namens Cola und Fanta, den gemütlichen Bernhardinder, der immer irgendwo im Weg steht oder liegt. Und es kommt noch schlimmer, als Vampire auftauchen, die genau wie die Lichtkrieger die Gabe haben, sich von einem Ort zum anderen zu teleportieren, was die Jagd auf die Blutsauger natürlich erschwert. Es dauert nicht lange, und die Lichtkrieger finden sich mitten in einem bösen Konflikt zwischen Vampiren und Werwölfen wieder. Die Tatsache, dass Rafe sich in eine Polizistin und Jenny in einen Werwolfanführer verliebt, macht die Sache nicht einfacher, im Gegenteil – die Beziehungen sind das Sahnehäubchen auf dem ganzen Chaos und führen zu zusätzlichen Verwicklungen.
Wieder ist D. Fries die Verbindung einer eigentlich düsteren Geschichte mit einem humorvoll-lockeren Erzählstil gelungen, aber man muss als Leser diese Mischung schon mögen, sonst könnte es sein, dass einem gerade der kodderschnauzige Macho Rafe nach einer Weile ziemlich auf den Keks geht.
Ein gelungener Nachfolger zum ersten Chroniken des Lichts-Band für Leser, die Spaß an Urban-Fantasy-Geschichten haben, die sich selbst nicht ganz so todernst nehmen. Ich bin schon sehr gespannt auf die nächste Folge.

Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 8

zwielichtbild Iloyon wartete, bis alle im Kreis um Tyurans toten Körper standen. Auch Veannan war dabei, er saß am Boden, in seinen Augen flackerte das Fieber. Aber Iloyon wusste, dass auch er jedes Wort hören und verstehen wollte, das er nun sagen musste. Er hätte es schon längst aussprechen sollen. Wenn er es früher getan hätte, wäre Tyuran vielleicht noch am Leben.
„Ihr seid meine Freunde“, begann Iloyon. Es war so schwer, die richtigen Worte zu finden. Er nahm sich Zeit, dachte nach, die anderen warteten schweigend. „Wir haben viel miteinander durchgemacht, wir haben Sieg und Verlust geteilt, gute und schwere Stunden. Was ich jetzt von euch verlange, wird vermutlich die schwerste Entscheidung sein, die ihr seit Langem fällen musstet. Aber ich…“ Er sah auf Tyuran hinab, dann in die Augen der anderen. Jeden Blick hielt er einige Atemzüge lang fest. „Ich kann so nicht weitermachen. Kämpfen, Tag für Tag, ohne zu wissen, wofür? Ich sehe keinen Sinn mehr in all diesem Sterben. Ich werde euch zum Traverran-Pass führen, aber ich werde nicht zum Heer zurückkehren.“
„Desertieren?“ Malika schlug die Hand vor ihren Mund, aber die Worte waren schon ausgesprochen und hingen wie eine giftige Wolke in der Luft.
„Wenn du es so nennen willst. Ich nenne es anders. Ich gehe fort. Das hier ist schon lange nicht mehr mein Krieg. Ich kämpfe, weil andere es mir befehlen. Ich spioniere die gegnerischen Lager aus, weil andere es von mir verlangen. Ich führe euch dem Tod entgegen, weil ich tue, was andere mir auftragen, und ich habe genug davon! Warum, ich frage jeden einzelnen von euch, warum tun wir das?“
„Damit die anderen nicht gewinnen.“ Malikas Stimme hatte an Kraft verloren, aber die Dunkelelfe sah noch immer trotzig in Iloyons Augen.
„Sie können nicht gewinnen, Malika. Sie werden nie siegen. Genauso wenig wie wir.“
„Und was lässt dich da so sicher sein?“ Liandras hob den Kopf, er trat neben Malika und nahm ihre Hand.
„Ich bin mir nicht sicher.“ Iloyon atmete tief durch. Er fühlte eine Bewegung an seiner Seite.
Cianthara. Sie stellte sich neben ihn und drückte kurz seine Hand.
„Ich weiß es nicht, aber ich kann es fühlen. Der Gedanke ist in mir gewachsen.“ Hilflos hob er die Hände. Wie sollte er den anderen sagen, was er fühlte? Etwas tief in seinem Inneren zu wissen, war eine Sache, dieses Wissen mit anderen so zu teilen, dass sie es nachvollziehen konnten, eine andere.
„Du bist Krieger, kein weiser Alter vom Berge, der seine mystischen Lehren mit uns teilt! Iloyon, du bist müde, du bist verwundet. Wir sollten zusehen, dass wir Tyuran bestatten und dann verschwinden. Vielleicht warten hinter den Büschen schon die nächsten …“
„Und dann? Werden wir wieder kämpfen, bis keiner mehr stehen kann. Bis sie gefallen sind oder wir. Wofür, Liandras? Wofür kämpfen wir? Als mein Großvater in diesen Krieg zog, kämpfte unser Volk für das Land, das uns genommen worden war. Als mein Vater ihm folgte, kämpfte er, weil auch mein Großvater gekämpft hatte. Als ich in den Kampf zog, kämpfte ich, weil … weil alle kämpften. Weil wir nichts anderes mehr kannten als ein Leben im Krieg. Aber es gibt auch noch etwas anderes. Es gibt eine Welt ohne Krieg. Wir müssen sie uns nur nehmen. Aber wir werden sie nur bekommen, wenn wir uns aus diesem Krieg zurückziehen.“
„Und unsere Leute verraten? Ihnen in den Rücken fallen, indem wir sie allein lassen?“ Liandras fauchte beinahe. Malika legte ihm eine Hand auf den Arm, als er vorspringen wollte. Iloyon sah sie dankbar an.
„Ich sagte, die Entscheidung wird nicht leicht sein. Aber ich habe sie für mich gefällt. Ich werde nicht weiter in einem Krieg kämpfen, in dem ich nur noch deswegen kämpfe, weil ich nicht will, dass die anderen ihn gewinnen. Entweder, wir hören alle irgendwann auf und legen die Waffen nieder, oder wir löschen uns gegenseitig aus. Dann wird es keine lichten und keine dunklen Völker mehr geben, und die Götter werden sich etwas anderes ausdenken müssen. Weil wir ihr Spiel nicht mehr mitspielen.“ Iloyon holte tief Atem.
Für einen Moment war es still. Wind kam auf, die Böe verwehte die Asche der gefallenen Lichtkrieger vollkommen. Die Brise spielte in den Bäumen. Es klang, als würde jemand lachen. Iloyon spürte einen Schauer seinen Rücken entlangkriechen. Ihm war, als berühre eine fremde Hand seine Seele.
„Ich denke genauso“, flüsterte Cianthara in die Stille hinein. Iloyon fühlte auch sie zittern. Hatte sie es ebenfalls gespürt?
„Ich … werde bei dir bleiben, Heerführer.“ Veannan hob eine zitternde Hand und legte sie auf sein Herz. „Licht kann nicht gegen Dunkel siegen, weil es auch keinen Tag ohne Nacht geben kann. Das ist es, was du denkst nicht wahr?“
Eine Welle von Dankbarkeit durchströmte Iloyon, als er nickte. „Ja. Wir werden weiterziehen. Zusammen, bis zum Pass. Dort werde ich auch Amayas und den anderen sagen, was ich euch gesagt habe, und auch sie vor die Wahl stellen. Wer mir folgen will, folgt mir. Wer zum Heer zurückkehren will, soll das tun. Ich verstehe es. Auch, wenn ich als Deserteur angeklagt werde. Es ist mir gleich. Sollen sie mich jagen, sollen sie mich suchen. Ich werde es einzurichten wissen, dass sie mich suchen können, bis die Sonne im Westen aufgeht.“
Cianthara lächelte, aber es war ein zittriges Lächeln. „Dann müssen sie auch mich suchen.“
„Und mich.“ Veannan neigte den Kopf.
„Ihr müsst euch nicht jetzt entscheiden. Nicht heute, nicht morgen. Ich will eure Antwort, wenn wir am Pass sind. Cianthara, sieh dir ihre Wunden an und flick zusammen, was du zusammenflicken kannst. Wer kann, sammelt Holz. Wir können Tyuran nicht mitnehmen, aber ich lasse ihn nicht hier, nicht für die Wölfe und nicht für die Lichtstreiter.“
Cianthara trat ihm in den Weg. „Du zuerst, er hat dich ziemlich erwischt.“
Iloyon schüttelte den Kopf. „Zuerst die anderen.“ Er wandte sich ab und stapfte ins Unterholz, um trockenes Geäst für einen Scheiterhaufen zusammenzusuchen. Naeve folgte ihm schweigend.
„Sturkopf“, hörte er Cianthara hinter sich murmeln, aber er sah sich nicht um. Die anderen waren wichtiger als er.

Sie fanden nicht viel trockenes Holz, aber es genügte. In Tyurans Tasche fanden sie Weißes Öl, nichts brannte schneller und heißer als diese Flüssigkeit, die sie eigentlich dazu benutzten, um Brandpfeile herzustellen. Der verlorene Trupp blieb um das Feuer stehen, in dem Tyurans Körper zu Asche verbrannte, bis von ihm nichts mehr übrig war. Das Weiße Öl sorgte dafür, dass es schnell ging, weder stank noch qualmte. Vielleicht würden die Hellen das Feuer sehen. Aber wenn sie kamen, um nach der Quelle zu suchen, würden Iloyon und die anderen schon über alle Berge sein.
Schweigend warteten sie, bis die Flammen erloschen. Jeder hing seinen Gedanken nach. Iloyon drehte das Gildenzeichen in den Händen, einen silbernen Anhänger mit einem blauen, in die Form einer Flamme geschliffenen Edelstein, in die Tyurans Zeichen eingeritzt war. Er würde den Anhänger der Gilde zurückschicken, sie würde wissen, wer von Tyurans Tod erfahren musste. Iloyon selbst wollte nie wieder einen Fuß ins Heerlager setzen. Es war genug.

Sie zogen weiter, als das Feuer vollständig heruntergebrannt war. Noch immer stand die Sonne am Himmel, doch der Wald dämpfte ihr Licht. Veannan nickte Cianthara zu, die gerade die Hände von seinen Schultern zurückzog. Rötliches Glühen schimmerte einen Moment noch um die beiden Dunkelelfen, dann verblasste es. Veannan erhob sich, schwankend, aber er stand, ohne dass ihn jemand stützte. Er nahm die Zügel des Pferdes.
„Helft mir auf seinen Rücken. Wenn ich reite, halte ich euch nicht so auf, als wenn ich auf der Trage liege.“
Cianthara runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht …“
„Mach schon.“ Veannan knurrte beinahe. Sie seufzte, dann schnallte sie die Trage vom Pferd los und half Veannan beim Aufsitzen. Er schwankte auf dem ungesattelten Rücken, fing sich und nahm die Zügel auf. „Es wird gehen. Wir müssen weiter, und ich will nicht der sein, der uns alle aufhält.“
Iloyon nickte ihm zu. „Ich will, dass du etwas sagst, wenn du nicht mehr kannst. Ist das klar?“
„Ist das ein Befehl, Heerführer?“
„Eine Bitte, mein Freund.“
Veannan lächelte. „In Ordnung.“
„Also los.“ Iloyon setzte sich an die Spitze der Gruppe. Wieder ging Cianthara ein wenig voraus, und Malika fiel zurück. Nach einer Weile folgte Naeve Cianthara. Iloyon sah, dass sie miteinander sprachen, aber sie redeten so leise, dass er nichts verstehen konnte. Aber er konnte sich denken, worüber sie sich unterhielten, als Naeve sich zu ihm umdrehte und ihn mit ihrem einen Auge durchdringend musterte. Er hoffte, die Einäugige würde bei ihnen bleiben, wenn er und Cianthara gingen.