Erwählte des Zwielichts 18

zwielichtbild „Wer seid Ihr?“ Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass ein vertrauliches Du diesem Mann gegenüber unangebracht war, auch wenn sein Gegenüber ihn wie selbstverständlich beim Vornamen nannte. „Wo sind wir? Wo sind meine Leute?“
„In Sicherheit.“ Die Stimme des Sternenäugigen klang wie ein sanftes Schnurren. Er trat näher. Seine Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Raubtieres. Er hatte die Haltung eines Kriegers, aber er bewegte sich wie ein Dieb.
„Ich gebe euch mein Wort, dass euren Gefährten nichts geschehen wird. Sie stehen unter dem Schutz der Sterne.“ Er vollführte eine einladende Geste in Richtung der Bäume, und eine Frau trat auf die Lichtung. Eingehüllt in ein am Oberkörper eng anliegendes schwarzes Kleid aus hauchdünnem Stoff, auf dem Tausende von Diamantsplittern glitzerten und das sich unterhalb der Hüften zu einem langen Rock mit Schleppe weitete. Ihr Haar war ebenso schwarz wie das des Mannes, doch wo es bei ihm bläulich glänzte wie Elsternfedern, tanzten in ihren bis fast auf den Boden reichenden Locken funkelnde Lichter. Auch sie trug eine Halbmaske vor dem Gesicht, nicht so verwegen und gezackt zugeschnitten wie die des Mannes. Ihre Maske war sanft geschwungen, verbarg silbergraue Augen und Teile von Stirn, Wangen und Nase. Volle Lippen lächelten Iloyon entgegen. Auch die Haut der Frau war über und über bedeckt mit diesen verschlungenen silbrig blauen Zeichen.
„Es ist mein Schutz, der über deinen Leuten wacht, Iloyon von den Dunkelelfen. Sie schlafen im Schatten meiner Sterne und niemand wird sie finden oder ihnen ein Haar krümmen. Sorge dich nicht.“
Iloyon ließ den Blick zwischen dem Mann und der Frau hin und her schweifen. Es war, als schimmere die Luft um sie herum in einer bläulichen Aura, sie schien zu knistern.
„Ihr seid uns gegenüber im Vorteil“, sagte er schließlich. „Ihr wisst ganz offensichtlich, wer wir sind, aber Ihr habt Euch nicht vorgestellt. Ich kann nichts auf das Wort eines Mannes geben, dessen Namen nicht kenne.“
Der Mann lächelte. „Ich habe viele Namen. Wählt, wie ihr mich ansprechen wollt. Man nennt mich Nachtschatten, Dunkelmond, Chaos und Veränderung. Man nennt mich Gefahr und man nennt mich Beschützer. Schöpfer und Vernichter. Ich bin Ti’shanar, ser Herr der Neumondes, und ich habe euch hierher gebracht.“
Noch ehe Iloyon etwas antworten konnte, sprach die Frau. Ihre Stimme klang wie das Rauschen des Windes in den Blättern, wie das sanfte Klingen, von dem Sirisa gesagt hatte, es sei der Gesang der Sterne.
„Auch ich habe viele Namen“, sagte sie. „Sternengekrönte, die, die erschafft und vernichtet. Die Leben gibt und es wieder nimmt. Die die Seelen geboren werden lässt und das Tor in die Ewigkeit öffnet, wenn die Zeit eure Namen kennt. Die die Seelen aufnimmt und ins Leben zurückschickt. Die, die heilt und tröstet. Ich bin die Mutter. Ich bin Ti’shanari, die Herrin der Sterne.“ Sie trat an die Seite des Mannes, und jetzt fiel Iloyon auf, wie sehr ihre schmalen Gesichter einander ähnelten. Die Luft knisterte, als Ti’shanari die Hand des Mannes nahm und näher an den Stein trat, an dem Iloyon lehnte. Cianthara trat an Iloyons Seite. Sie sah Ti’shanari an.
„Ich kenne Euch“, sagte sie. „Ich habe Euch schon einmal gesehen. Ich kenne Eure Stimme.“
Verstohlen tastete Iloyon nach Ciantharas Hand. Er empfand keine Furcht, aber die Fremden machten ihn misstrauisch. Ihre Ausstrahlung war so anders, so viel mehr, als er es von Magiern, auch von mächtigen Magiern, kannte. Die Frau nickte. Sie lächelte, und sofort veränderten sich ihre Züge. Aus der kühlen Schönheit wurde ein Gesicht voller Leben, Funken tanzten in den silbrigen Augen. Es war ein Gesicht, das er gernhaben musste, ob er wollte oder nicht. Iloyon wusste nicht, ob ihm das gefiel. Es machte ihn nur noch misstrauischer. Wob sie einen Zauber?
„Meine Botschaft hat dich also erreicht, Kind der Dunkelheit.“ Sie sagte es, als würde sie sich maßlos darüber freuen.

Erwählte des Zwielichts 17

zwielichtbild „Oh ja. Das könnte ich. Auf dem Weg hierher habe ich mir ausgemalt, wie es sein muss, in einem Baumhaus zu wohnen. Verrückt.“
Cianthara schüttelte den Kopf. „Ganz und gar nicht, mein Geliebter. Wenn die anderen sich entschieden haben, dann führen wir sie hierher. Und fangen mit ihnen zusammen ein neues Leben an. Wir werden Walddunkelelfen.“ Sie nahm seine Hände.
Die blauen Flammen züngelten so unvermittelt auf, dass Iloyon aufschrie. Er wollte Cianthara von sich stoßen, weg von den Flammen, und selbst fliehen. Aber er konnte nicht. Er konnte Cianthara nicht loslassen. Das Feuer fegte über den Stein hinweg, umschlang Iloyon, umschlang Cianthara. Er schrie.
Ciantharas Lachen drang an seine Ohren wie durch Sturmbrausen.
„Tien’sha! Es ist wie in meinem Traum!“
Es wurde dunkel um Iloyon und er fiel.

V

Iloyon öffnete die Augen und sah sich irritiert um. Wo war er?
„Tien’sha?“ Ciantharas Stimme drang an seine Ohren.
„Ich bin hier. Bist du in Ordnung?“
„Ich glaube schon. Dieses Licht… was war das?“ Sie richtete sich auf und blinzelte. Iloyon legte einen Arm um sie und sah sich um.
Die Lichtung war noch immer dieselbe. Sie lagen auf dem Stein, über dem sie sich an den Händen gefasst hatten. Um sie herum rauschte der Wind im Geäst der silberblättrigen Bäume und das Gras sah noch immer aus wie ein dichtes, saftig grünes Fell. Ein Bachlauf plätscherte um den Stein herum, er war ihnen vorher nicht aufgefallen. Cianthara blickte zum Himmel.
„Iloyon, die Sterne… wo sind wir?“
„Auf der Lichtung.“
„Nein. Schau doch. Die Sterne, sie stehen ganz anders. Die Farben. Sieh genau hin. Es ist ähnlich, aber nicht genauso. Auf der Lichtung, wo ich dich gefunden habe, war kein Bach. Und dieser Stein ist kein Granit, das hier ist Onyx. Das Gras ist bläulicher. Die Bäume sind silbern, nicht nur ihre Blätter, ihre Rinde. Silbern!“
Iloyon schloss die Augen, öffnete sie wieder und sah sich um. Onyx. Fremde Sternbilder. Silberne Bäume und blaues Gras.
„Wo bei allen Göttern sind wir hier?“ Er machte Anstalten, von dem Onyxblock herunterzuklettern, als eine fremde Stimme ihn innehalten ließ. Ein Lachen, dann sprach der Mann.
„Nicht bei allen Göttern“, klang es mit sanftem Spott aus den Schatten der Bäume zu ihnen hinüber. „Aber ich heiße euch willkommen in meinem bescheidenen Reich.“
Iloyons Blick glitt zu der Gestalt, die mit geschmeidigen Bewegungen zwischen den Bäumen hervortrat.
Der Mann war mittelgroß und schlank, kleiner und zierlicher als Iloyon, doch er strahlte eine Macht und Stärke aus, die ihn größer wirken ließen. Seine Haut schimmerte perlmuttbleich in einem seltsamen silbrigen Licht, das von überall her zu kommen schien. Der muskulöse Oberkörper war nackt, eine anliegende schwarze Hose und oberschenkelhohe Stiefel betonten die schmale, drahtige Gestalt. Haar, so schwarz, dass es blau schimmerte, floss dem Fremden bis über die Schultern hinweg den Rücken hinab. Die Spitzen seiner Ohren ragten aus den glänzenden Strähnen. Das bemerkenswerteste jedoch waren sein Gesicht und die seltsamen Zeichen auf seiner blassen Haut. Sie bedeckten seine Brust und den Rücken, feine, filigran ineinander verschlungene Symbole, die blausilbern leuchteten. Sie wanden sich über seine Haut, als seien sie lebendig. Auch das, was von dem schmalen Gesicht zu sehen war, war von den silberblauen Malen bedeckt. Eine schwarze Halbmaske mit wild gezackten Rändern verbarg die Augenpartie des Gesichts, die Augen selbst waren durch und durch schwarz und sternengesprenkelt wie der Nachthimmel. Auf der Stirn des Mannes flossen die silbernen Zeichen zu einem stilisierten Halbmond ineinander. Seine sinnlichen Lippen zierte ein feines, spöttisches Lächeln, das einen Mundwinkel zucken ließ.
Iloyon spürte, wie Cianthara sich enger an ihn schmiegte.
„Sein Lachen“, flüsterte sie. „Es ist sein Lachen im Wind.“
„Deine Gefährtin hat gute Ohren, Heerführer der Dunkelelfen.“
Iloyon löste sich von Cianthara und glitt von dem Stein. Jetzt stand er dem Fremden gegenüber und sah in seine Sternenaugen. Es war schwer, den Blick abzuwenden, auch wenn es genauso schwer war, den Augen des Fremden standzuhalten.

Erwählte des Zwielichts 16

zwielichtbild Er sah in ihren Augen, dass sie sich sorgte, aber sie ließ ihn gehen, sie alle ließen ihn gehen.

Iloyon wanderte in immer größeren Kreisen um das Lager, bis er an dem sachten Prickeln auf der Haut fühlte, dass er Sirisas Schutzkreis durchschritten hatte. Die magische Barriere ließ ihn hindurch und schloss sich mit einem leisen Knistern hinter ihm. Iloyon atmete auf. Es war nicht leicht, einen Augenblick zu finden, in dem er allein sein konnte, ohne die anderen, ohne ihre prüfenden, besorgten oder fragenden Blicke. Er hatte es sich nie eingestehen wollen, aber er war so unendlich müde, dass er sich am liebsten zusammenrollen, einschlafen und nie wieder aufstehen würde. Einen Moment lang lehnte er sich an einen der Bäume mit den silbrig schimmernden Blättern, von denen es in dieser gegen so viele gab, und schloss die Augen. Er spürte den Wind auf seinem Gesicht. Der Wind lachte. Iloyon lauschte und hörte die Sterne singen. Mit einem Lächeln auf den Lippen wanderte er weiter. Er wusste nicht, wohin, aber er fühlte sich sicher und wusste seine Leute hinter Sirisas Bannkreis in Sicherheit. Die Lichten waren ihnen nicht gefolgt – dieses Mal wollte er es glauben und den Krieg für einen Moment vergessen.
Es war, als würde der Wald ihm allein gehören. Hatte es auf dem Weg zu den Singenden Felsen schon so viel der silberblättrigen Bäume gegeben? Vermutlich waren sie Iloyon nicht aufgefallen, weil er nur auf den Bode gestarrt hatte. Jetzt sah er zu den mächtigen Kronen auf. Sie waren so hoch, dass ihre Äste sich über ihm zu einem natürlichen Dach verwoben. Wie es wohl sein mochte, dort oben zu leben? In einem Baumhaus? In einem Dorf aus Baumhäusern in den silbernen Kronen, unter dem Schatten der Blätter? Er musste lachen. Wunschträume. Aber er würde sie sich erfüllen. Tiefer in diesen Wäldern war es vielleicht sicher, und ewig würden die Linien des dunklen Heeres auch nicht hier stehen.
Es war so schön hier. Der Wald atmete eine Unberührtheit, die Iloyon lange nicht gespürt hatte. Warum waren hier keine brutal gehauenen Wege für Kriegsgerät und Nachschubtruppen? Iloyon spürte etwas, das er lange nicht gespürt hatte: Neugier. Sie rann ihm wie ein prickelnder Schauer den Rücken hinab und ließ ihn vor Erwartung zittern. In diesem Teil des Waldes gab es keine Wege, aber Iloyon glaubte, ganz genau zu wissen, wohin er gehen musste. Seine Schritte verursachten kaum einen Laut auf den weichen Moospolstern, die überall wuchsen. Schimmernde Kissen aus blaugrünen Blättern, in denen weiße Blüten wie Sterne glitzerten. Bäume, wohin er blickte. Ein leise plätscherndes Rinnsal mit klarem, kalten Wasser. Iloyon trank einen Schluck, dann ging er weiter, bis die dichten Bäume sich zu einer kleinen Lichtung öffneten. Sie war kreisrund, dicht bewachsen von kurzen Grashalmen wie mit grünem Fell. In der Mitte der Lichtung tanzte das Sternenlicht auf einem großen flachen Stein. Silbrige Einschlüsse glitzerten im Licht, der Stein selbst war von eine tiefen, dunklen Graublau. Iloyon blieb stehen. Seine Haut prickelte, als er den Fuß über die Baumgrenze setzte und die Lichtung betrat. Langsam ging er weiter. Das Prickeln fühlte sich gut an. Sanft, weich. Wie eine streichelnde Hand. Ein guter Ort. Iloyon spürte die Anwesenheit von etwas Dunklem, aber zugleich auch von Licht. Es war, als seien hier alle Mächte genau so stark, wie sie sein mussten, um das Gefüge der Welt zusammenzuhalten. Licht und Dunkel zusammen. Tag und Nacht. Schwarz und Weiß. Grau. Zwielicht.
Er erschrak, als ihm gegenüber ein Schatten aus den Bäumen hervortrat, duckte sich, dann erkannte er, wer da herumschlich, und seufzte unterdrückt.
„Cianthara. Warum? Ich hatte dich doch gebeten, bei den anderen zu bleiben.“
Wenn sie die Enttäuschung in seiner Stimme gehört hatte, zeigte sie es nicht. Langsam betrat sie die Lichtung und ging auf den Stein zu. Iloyon seufzte noch einmal und ging ihr entgegen, bis sie an dem graublauen Felsen einander gegenüberstanden.
„Ich bin dir nicht gefolgt, Tien’sha. Ich bin aus eigenem Antrieb gegangen und absichtlich in die entgegengesetzte Richtung wie du. Die anderen fingen an zu streiten und ich habe das nicht ertragen. Sie streiten darüber, was richtig ist. Dir folgen, zum Heer zurückkehren, allein fortgehen… ich konnte das alles nicht mehr hören, also sagte ich ihnen, dass sie sich um Deinetwillen einigen sollen und dass ich am Morgen zurückkomme. Dann bin ich gegangen. Ziellos herumgewandert. Bis ich diese Bäume fand. Und dann diesen Ort hier erreichte. Wie schön es hier ist.“
„Wunderschön.“ Iloyon lächelte. „Entschuldige, Tien’sha. Ich bin froh, dass du hier bist. Ich hätte dir niemals erzählen können, wie es hier aussieht. Dieser Stein. Wie der Nachthimmel. Es sieht aus, als würde dieses Glitzern darin tanzen.“ Er streckte über den Stein die Hände nach Cianthara aus. Sie lächelte.
„Könntest du dir vorstellen, hier zu leben?“

„Kannst du mir die Mail mit der Agenda für das Meeting forewarden?“ – Anglizismenüberschuss, oder warum ich nicht „cool“ sein will

Wo früher am Bahnhof mal die Information war, befindet sich jetzt ein „Info-Point“. Man geht nicht mehr zu Arbeitstreffen, sondern kommt höchst anglizistisch in „Meetings“ zusammen, für die man zuvor keinen Themenplan, sondern eine Agenda bekommen hat. Man bringt sich seinen „Coffee to go“ mit, den man sich zuvor noch schnell beim „Coffeeshop“ geholt hat. Welcher Bestandteil eines „Bread-Shops“ ist. Früher nannte man so etwas eine Cafeteria in einer Bäckerei.
Statt wie früher super findet man erfreuliche Ereignisse oder Dinge, die einen erstaunen heute „cool“. Ein Mobiltelefon ist ein „Handy“, wenn es bereits einige Jahre auf dem Buckel hat; ist es neu, spricht der moderne Mensch von einem Smartphone. Und haben wir inzwischen nicht alle „Notebooks“? Entschuldigung, „Laptops“. „Notebooks“ sind ja diese kleinen Dinger aus Papier, in die man mit einem „Ballpen“ oder einem Füller schreibt. Mit der Hand.
Eine Nachricht ist eine „Message“, im Internet unterhält man sich nicht, ondern „chattet“ und „skyped“. Oder schreibt man das ohne e?
Die Aufforderung, Anträge einzureichen, nennt man neudeutsch „call to papers“. Klingt irgendwie nach „call to arms“, das ist gruselig.
Diätprodukte sind „light“ oder „zero“ (persönliche Erfahrungen haben mich gelehrt, dass diese Worte entweder für übersüß durch Aspartam oder für pappig und schmeckt nicht stehen), eine Frikadelle ist ein „Burger“, und in die Pfanne kommt „Bacon“ statt Speck.
Wer als Redner oder vielleicht als Journalist beeindrucken möchte, wirft mit Fremdwörtern um sich, denn diese assoziieren dem lauschenden Gegenüber eine Intelligenz und Bildung des Texturhebers, welche dieser im schlimmsten Fall gar nicht besitzt. Fremdwörter werden benutzt, um Artikel zum Schillern zu bringen, bis der Leser zwischen all den Anleihen aus Englisch, Französisch, Latein und Altgriechisch den eigentlichen Inhalt des Geschriebenen kaum noch finden kann.
Als Autorin, die in Deutschland geboren wurde, in Deutschland aufgewachsen ist und Deutsch als Muttersprache spricht, empfinde ich den zunehmenden Einsatz von Anglizismen als sprachlichen „Igittigittismus“. Für so viele Dinge, die wir heute mit Anglizismen bedenken, gibt es tatsächlich auch deutsche Wörter. Natürlich gibt es auch hier Grenzen – Markennamen wie Ebay und Paypal müssen nicht krampfhaft in „E-Bucht“ und „Bezahlkumpel“ eingedeutscht werden. Aber mein „Meeting“ ist ab jetzt ein Arbeitsgruppentreffen oder eine Besprechung, meine Agenda eine Themenliste und mein Handy ein Mobiltelefon. Und aufregende, positive Dinge sind super oder klasse oder prima. Es muss nicht alles „cool“ sein. Ich selbst will gar nicht cool sein – denn „cool“, das bedeutet wortwörtlich übersetzt „kühl“ oder „kalt“. Was sind „coole“ Klamotten? Zeug, das nicht wärmt? Dünne Blusen und kurze Hosen oder Miniröckchen im Winter? Was sind „coole“ Menschen? Die, die keine Gefühle zeigen, die nach außen kühl wie Vulkanier wirken und an denen alles abprallt?
Nein danke, das bin ich nicht.
Ich bin wohl eher uncool (was für ein Wort…), wenn ich mich jetzt wieder verabschiede und weiter daran arbeite, meine Sprache und meinen Wortschatz aufzuräumen.

Erwählte des Zwielichts 15

zwielichtbild Erneut rauschte der Wind in den Bäumen, und jetzt lauschten alle. Iloyon sah in geweitete Augenpaare, deren rote Iriden im Feuerschein funkelten. Sogar Amayas und Veannan hatten sich aufgerichtet und schauten in den Himmel. Im Wind wehte ein Lachen. Sirisa blinzelte. Auf ihren Wangen schimmerten Tränen.
„Die Sterne“, flüsterte sie, „sie singen.“
Iloyon er hörte es ebenfalls, und auch die anderen mussten es hören. Ein Vollmond, der keiner war, Sterne, die in der Nacht sangen, Bäume, deren Blätter durchsichtig wurden und den Blick auf den Himmel freigaben?
Welcher Gott legt seine Hand über uns? Wer ist es, der uns die letzten Nächte und Tage geschützt hat? Wie konnten wir mit so wenigen Verlusten aus den Schwierigkeiten herauskommen, in die wir auf unserem Weg geraten sind? Wer bist du?
Der Wind flaute ab, das Lachen verstummte. Iloyon blickte zum Lagerfeuer, als die Sterne über ihnen zu verblassen begannen. Für einen Moment tanze eine bläulich schimmernde Flamme darin, dann brannte es wieder rot und warm wie Iloyon es kannte. Cianthara starrte in die Feuergrube. Einen Moment zögerte sie, dann füllte sie entschlossen den Helm mit Wasser, warf Trockenfleisch, Getreideschrot und Kräuter hinein und stellte alles in die Flammen.
„Das Feuer…“ Malika deutete mit bebender Hand auf die Flammen. „Es war blau.“
Cianthara sah sie mit einem Lächeln an. „Ich glaube, jemand ist auf uns aufmerksam geworden. Iloyon, du solltest noch einmal von deinen Plänen erzählen. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem jeder seine Entscheidung treffen muss.“
„Was für eine Entscheidung?“ Amayas stemmte sich in eine sitzende Haltung und sah Iloyon an.
Iloyon sah in die Runde, dann begann er, zu sprechen.
„Ich habe es schon denen gesagt, die mit mir gezogen sind: ich habe mich entschlossen, nicht zum Heer zurückzukehren.“
Amayas hob eine Augenbraue hoch. „Warum wundert mich das nicht?“
Iloyon lächelte. „Du ahnst vermutlich, was mir im Kopf herumgeht. Ich sehe diesen Krieg nicht mehr als den meinen. Noch nicht einmal mehr als den der Dunkelelfen oder den der vereinigten Kriege der Nacht. Es ist auch nicht der Krieg des Lichtes. Es ist Licht gegen Nacht. Es ist … etwas, das nicht sein darf und ich möchte kein Teil mehr davon sein. Wenn wir so weitermachen, bringen wir diese Welt an den Rand des Untergangs.“
Stille antwortete ihm, nur durchbrochen durch das Knistern des Feuers und das Zischen, wenn ein wenig von dem Eintopf in die Flammen spritzte. Iloyon wartete. Ciantharas Hand stahl sich in seine. Naeve rückte ein wenig näher an ihn heran und er war dankbar für die Nähe.
Sirisa sprach als erste. „Du redest wie einige Führer der Gilde. Auch sie sagen, dass dieser Krieg zu nichts führen wird. Entweder, er dauert für alle Zeit an, oder eine Seite siegt und löscht damit die andere aus. Wenn wir einen großen Sieg erringen und die anderen geschwächt sind, dann fühlt es sich ebenso falsch an wie im umgekehrten Fall. Aber was sollen wir tun? Was bringt es, wegzulaufen, Heerführer?“
„Ich laufe nicht weg.“ Iloyons Blick streifte Malika und Liandras, die beide betreten zu Boden blickten. Malika wandte sich dem Eintopf zu.
„Mag sein, dass einige von euch denken, ich würde sie zum Desertieren auffordern. Aber ich sehe es als meine eigene Entscheidung, diesem Krieg den Rücken zu kehren. Es ist, wie Sirisa sagt. Es fühlt sich falsch an und ich kämpfe für nichts, das sich falsch anfühlt. Ich wechsele nicht die Seiten. Ich habe nur meine eigene Seite wiedergefunden, und diese Seite will sich nicht mehr das Töten befehlen lassen. Und wenn wir das Heer des Lichts noch so hassen. Und wenn sie uns noch so hassen. Auch Lichtelfen haben Kinder, die sie schützen wollen, genau wie wir. Auch Menschen kämpfen für ihr Land, wie die Shiria-Natha um ihre Wälder kämpfen. Zumindest taten sie das einmal. Genau wie wir einmal für unsere Höhlen und unsere dunklen Täler gekämpft haben. Aber tun wir das noch? Wir kämpfen, weil es nun einmal so ist, seit Jahrzehnten, wir kennen es nicht mehr anders. Es ist wie eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, ein Dämonenreigen. Ich will nicht mehr mittanzen. Ich will ausbrechen. Ich entscheide mich für meine eigene Seite, und diese Seit will nicht kämpfen. Zumindest nicht in diesem Krieg. Ich gebe euch allen noch bis zum nächsten Sonnenuntergang Bedenkzeit. Sagt jetzt nichts. Sagt gar nichts. Denkt über das nach, was ich gesagt habe und sucht in euren Herzen nach eurer eigenen Einstellung zu diesem Krieg. Ich halte niemanden auf, aber ich werde mich über jeden freuen, der an meiner Seite bleibt.“
Er sah noch einmal in die Runde, dann erhob er sich. „Ich möchte ein wenig allein sein. Ich bleibe in der Nähe, aber ich würde es begrüßen, wenn mir niemand folgt.“ Er sah Cianthara an. „Auch du nicht. Dieses Mal nicht.“