Erwählte des Zwielichts 23

zwielichtbild Iloyon hatte aufmerksam zugehört, jetzt hob er den Kopf.
„Aber wir wollen keine Stimme in diesem Krieg sein. Wir wollen unsere eigene Seite, nicht zwischen allen Seiten stehen.“
Ti’shanar nickte. „Das Zwielicht muss für sich allein stehen. Nicht Licht, nicht Nacht, wird es immer den Ausgleich bringen und sich auf die Seite des Schwächsten schlagen. Das Zwielicht bringt Licht in die Finsternis und wirft einen Schatten auf das Licht. Es ist weder das eine noch das andere, es ist beides. Wir haben euch ausgewählt, um euch zu Erwählten des Zwielichts zu machen, zu Kindern der Dämmerung, die wie Katzen jagen, wenn die Sonne untergegangen ist und wie Eulen die Nacht über wachen und mit dem Sonnenaufgang zur Ruhe gehen. Wir geben euch einen Teil unserer Macht. Ihr werdet eine Kraft besitzen, jenseits aller bekannten Waffen und Zauber auf eurer; und Stärke in eurer Schwäche finden. Ihr werdet Kraft und Leidenschaft aus euren Schmerzen ziehen, Schwerter sein, die im Feuer der Sterne geschmiedet sind und in ihrem Feuer brennen. Unsere Hände werden auf euren Seelen liegen. Ihr werdet unsere Einsamkeit teilen und doch mehr als nur Gefährten und Freunde in denen finden, denen ihr unsere Gaben weitergebt. Ihr werdet von den Sternen kommen und zu den Sternen gehen in der Stunde, die den Namen eurer Seele kennt. Eure Seelen werden uns gehören und doch frei sein, wenn ihr durch Feuer gegangen und alles Alte hinter euch gelassen habt; und neu und geläutert aus diesen Flammen hervorgehen – als die ersten der Kinder der Dämmerung.“
Ti’shanar hielt inne. Sein Blick senkte sich in Iloyons. Iloyon sah in die Sternenaugen des Gottes und bemerkte, dass die leuchtenden Punkte zahlreicher geworden waren.
„Ihr wollt uns verändern“, vermutete Cianthara, noch bevor Iloyon etwas sagen konnte. „Ihr wollt uns formen. Wir werden nicht mehr das sein, als das wir geboren wurden, wenn wir uns in Eure Hände geben. Wir werden keine Dunkelelfen mehr sein.“
Ti’shanar nickte. „Wenn ihr uns folgt und unser Angebot annehmt, wenn ihr euch von uns erwählen lasst, dann werdet ihr im Feuer der Sterne neu geschmiedet wie Klingen auf dem Amboss. Alles, was ihr an euch schätzt, wird geläutert, und alles, was ihr hinter euch lassen wollt, verbrennt im Feuer der Sterne.“ Er hob die Hand, eine helle, blaue Flamme tanzte auf der mit schimmernden Zeichen bedeckten Handfläche.
„Seht es euch an, das Sternenfeuer. Es ist ein Teil von mir, ein Teil meiner Schwester, die pure Essenz unserer Macht, die unsterbliche Essenz der Sterne. Und es wird auch ein Teil von euch werden, wenn ihr es annehmt. Es verbrennt und es kühlt. Es kann vernichten und heilen. Und wer es kennt, wird euch ansehen, dass ihr es besitzt.“ Er schloss die Hand um die Flamme, und die Zeichen auf seiner Haut flammten auf, blauschwarz wie der Neumondhimmel und silbern wie der Vollmond. Die Sternenherrin nahm seine Hand in ihre, und auch ihre Zeichen begannen zu leuchten, blau und silbern, hell und strahlend wie Tausende von Sternen. Iloyon spürte, wie Cianthara neben ihm den Atem anhielt. Sie zitterte. Langsam streckte sie eine Hand aus.
„Darf ich es berühren? Bitte, darf ich?“
Die Sternenherrin lächelte. Sie öffnete ihre Hand, eine Sternenfeuerflamme tanzte darauf. Langsam schob Cianthara ihre Hand näher an die der Göttin. Das Flämmchen schien einen Augenblick zu zögern, als sei es ein scheues Waldtier, dann sprang es auf Ciantharas Hand über und tanzte über ihre Finger. Cianthara keuchte auf.
„Davon habe ich geträumt“, flüsterte sie, „es fühlt sich an wie in meinem Traum. Als ich im Sternenregen tanzte. Da habe ich es gefühlt. Lebendig, warm.“
„Und ich habe gesehen, wie sehr es dir gefiel“, sagte die Sternenherrin. „Darum wählte ich dich. Mein Bruder wählte denen Gefährten, weil er wusste, dass es nicht leicht sein würde, ihn zu überzeugen. Doch der Stahl, der in der Schmiede widerspenstig ist, wird die beste Klinge. Langsam und gut geschmiedet, wird so ein Stahl niemals brechen. Er wird sich biegen. Er wird glühen. Aber er wird nicht brechen.“
Iloyon sah sie an. „Ich habe mich schon oft gebogen. Ich habe oft gebrannt vor Zorn über diesen Krieg. Vielleicht war ich kurz davor, zu brechen, und vielleicht ist etwas in mir gebrochen, als Tyuran neben mir fiel. Wenn Ihr alles gesehen habt, dann habt Ihr auch das gesehen.“
Die Sternenherrin nickte. „Das haben wir. Und nun willst du wissen, warum wir nichts getan haben.“
Iloyon sah sie an. „Ja“, sagte er leise. „Wenn Ihr da wart, warum habt ihr nicht verhindert, dass Tyuran fiel? Wenn Ihr da wart, warum hat Naeve ihr Auge verloren und warum wurde Veannan so schwer verwundet? Warum wurde Amayas von den Lichtlingen gefangengenommen und gefoltert, nur damit sie mich in die Finger bekommen konnten?“

Erwählte des Zwielichts 22

zwielichtbild VI

Iloyon erwachte, als ihm der frische Duft von Kräutertee und frischem Brot in die Nase stieg. Die Tischchen hatten sich den Tag über wie von Zauberhand frisch gedeckt. Brot, Früchte, Honig. Iloyon konnte noch immer noch glauben, dass dieser Ort Wirklichkeit war. Sacht weckte er Cianthara.
„Schau. Sie sorgen dafür, dass wir nicht verhungern!“ Er küsste seine Geliebte sanft, dann wand er sich aus den Decken und ging zum Bach, um sich zu waschen. Cianthara kam ihm nach einer Weile nach, sie trug etwas über dem Arm.
„Sie mal. Das lag neben unserem Lager. Saubere Kleider.“
Iloyon betrachtete die Gewänder, schlichte Hemden und Hosen, zwei Kleider, ein Rock, alles aus weichem schwarzen Leder gearbeitet. Einige Stücke waren mit feinen Silberstickereien verziert, die den schimmernden Zeichen auf der Haut der Götter glichen.
Iloyon musste nicht lange überlegen. Er streifte seine alten Kleider ab, wusch sich gründlich mit dem klaren, kühlen Wasser aus dem Bach und schlüpfte mit einem Aufseufzen in die sauberen Gewänder. Herrlich, endlich wieder Kleidung zu tragen, die nicht verdreckt war und nach Blut und Schweiß stank! Cianthara schälte sich ebenfalls aus ihren Sachen, schrubbte sich im Bach und streifte eines der Kleider über. Es umschmeichelte ihren Körper, betonte ihre schlanke Gestalt, ließ aber dennoch genug Bewegungsfreiheit durch einen langen Schlitz, der den Rock weitete. Iloyon legte einen Arm um sie. „Du siehst wunderbar aus.“ Sie lachte und küsste ihn.
Während sie aßen, warteten sie auf die Götter. Sie kehrten bei Sonnenuntergang und mit dem Aufgehen des ersten Sterns zurück, wie sie es versprochen hatten. Wie am Abend zuvor erschienen sie beinahe lautlos auf der Lichtung, nur ihre Ausstrahlung kündigte ihr Kommen an. Sie jagte Iloyon einen Schauer über den Rücken, aber wieder empfand er keine Furcht, nur Neugier. Die Sternenherrin und der Nachtschatten traten mit einem Lächeln auf sie zu. Wie vorher schon wirkte das Lächeln des Nachtschatten leicht spöttisch, aber die Lichtpunkte in seinen dunklen Augen schimmerten voller Wärme.
„Ich sehe, ihr habt unsere kleine Aufmerksamkeit gefunden.“ Sein Blick glitt in einer Weise über Ciantharas Gestalt, dass Iloyon ihm einen warnenden Blick zuwarf. Cianthara war sein! Sie war seine Gefährtin, seine Geliebte, Teil seiner Seele und seines Lebens. Noch nicht einmal ein Gott, und mochte er noch so schön sein, konnte daran etwas ändern. Ti’shanar lachte.
„Keine Sorge, Iloyon, ich habe nicht vor, dir deine Gefährtin abspenstig zu machen.“
Cianthara sah ihn an. „Bei allem Respekt, Herr des dunklen Mondes, das könntet Ihr auch nicht. Mein Herz weiß, zu wem es gehört.“
Die Göttin nickte ihr wohlwollend zu, während Ti’shanars Lächeln in die Breite wuchs. Er ließ sich auf einem Sitzkissen Iloyon gegenüber nieder. „Ich erkenne immer mehr, wie gut und wie richtig es war, euch zu erwählen. Hattet ihr einen ruhigen Tag?“
Iloyon nickte. „Ich gebe zu, wir haben so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. Wir wissen die Sicherheit Eures Hains zu schätzen. Habt Dank dafür.“
Der Nachtschatten neigte den Kopf. „Es ist das Mindeste, was wir tun können für die, die wir in unsere Welt holen. Ihr werdet neugierig sein, darum will ich mich nicht mit Geplänkel aufhalten, sondern euch klar und deutlich sagen, warum wir euch herbrachten. Eure Gedanken und Gespräche der letzten Stunden sind uns nicht verborgen geblieben.“ Er sah Cianthara an. „Was du gesagt hast, über uns, über die anderen Götter, über den Krieg, das trifft die Wahrheit ziemlich genau. Es stimmt – wir sind Götter. Aber auch alles andere ist wahr – unsere Macht ist begrenzt, denn wir sind sehr einsame Götter. Unter all denen, die die Macht besitzen, zu erschaffen, zu vernichten, zu verändern, zu töten und zu heilen, gehören wir zu den Beinahe Vergessenen. Es gibt den einen oder anderen, der sich in eurer Welt noch an uns erinnert, wenn vielleicht auch unter anderen Namen als denen, die wir euch genannt haben, aber es genügt, um unsere Macht nicht vollends schwinden zu lassen.“
Cianthara sah auf. „Aber… Götter sterben doch nicht.“
Die Sternenherrin lächelte. Wieder war ihr Lächeln voller Traurigkeit, die sich in ihren Augen widerspiegelte. „Nein, Kind der Dunkelelfen, Götter sterben nicht. Sie schwinden. Ihre Macht nimmt immer mehr ab, bis sie schließlich im Gefüge der Welt aufgeht und sich mit der Kraft anderer, stärkerer Gottheiten vereint. Wir sehen diesem Schicksal schon seit langem entgegen. Unsere Kraft zehrt sich auf in dem ewigen Streit zwischen Licht und Finsternis, denn wir sind weder das eine noch das andere ganz. Ich bin nicht nur Licht, denn mir gehören die Sterne, und die Sterne scheinen bei Nacht. Mein Bruder ist nicht nur Finsternis, denn ihm gehört der Mond, und der Mond ist nur einmal in seinem Lauf wirklich finster, dann beginnt er, wieder zu wachsen und zu strahlen, bis er in einer Nacht seines Laufes so silbern und hell strahlt wie all meine Sterne zusammen. Wir sind Zwielicht. Und ihr seid, was wir sind. Ihr entstammt der Finsternis, aber ihr habt euch dagegen entschieden, gegen das Licht zu kämpfen. Ihr sagt, es gibt keinen Tag ohne die Nacht, ihr glaubt, dass der, der als Sieger aus diesem Krieg hervorgeht, mit dem Verlierer untergeht. Ihr seht die Wahrheit. Zwischen Licht und Finsternis steht die Dämmerung, aber die Dämmerung hat keine Stimme in diesem Krieg. Wir wollen ihr die Stimme zurückgeben.“

Erwählte des Zwielichts 21

zwielichtbild „Haben Götter Seelen, Tien’sha?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich habe etwas gefühlt, das ich nicht erklären kann. Ich kenne dich, ich liebe dich. Ich muss nur in deine Augen sehen und weiß, wie es dir geht. Aber als ich in die Augen der Sternenherrin sah, habe ich ihre Traurigkeit gesehen. Wie ein tiefes Meer, Iloyon. Ihre Traurigkeit ist weit wie der Himmel. Und Ti’shanar, der Nachtschatten… was er fühlt, kann ich nicht in Worte fassen. Es ist zu groß, zu wild. Da ist so viel Dunkelheit in ihm. Aber sie ist nicht finster, verstehst du? Er ist dunkel und wild, sie ist dunkel, sanft und durchdrungen vom Licht der Sterne. Und in ihnen beiden brennt dieses Feuer, das ich gesehen habe, das auf mich herabgeregnet ist, als ich unter den Sternen tanzte.“
„Was du sagst, macht es mir nicht leichter, ihnen zu trauen.“ Iloyon nahm ebenfalls ein Gebäckstück und schnupperte misstrauisch daran. Es duftete nach Fleisch und unbekannten, scharfen Gewürzen. Nicht schlecht. Er spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Cianthara hatte Recht – auch er konnte das ewige Wegebrot, das Trockenfleisch, die steinharten getrockneten Früchte und die gerösteten Wurzeln, von denen sie sich die letzten Monate ernährt hatten, schon lange nicht mehr sehen. Etwas Richtiges zu essen. Etwas, das mit Zeit und Liebe zubereitet war und nicht nur dazu dienen sollte, den Magen zu füllen, sondern auch für den Genuss?
Cianthara lächelte. Sie biss in das Stück, das sie sich genommen hatte. Ihre Augen weiteten sich, dann schloss sie sie und ihr Gesicht nahm den Ausdruck einer sehr zufriedenen Katze an.
„Oh… ist das gut!“ Sie kaute genüsslich, dann biss sie noch einmal ab.
Iloyon musste grinsen. Sehr vorsichtig probierte er auch. Und dann verstand er, warum Cianthara so ein verzücktes Gesicht machte, nur wegen einer gefüllten Teigtasche. Die Gewürze schienen auf seiner Zunge geradezu zu explodieren. Es war scharf, süß, salzig, sauer, es schmeckte nach Fleisch, nach Gemüse und nach Früchten. Der Teig knackte und knusperte zwischen seinen Zähnen.
„Göttlich.“
Cianthara grinste. „Ziemlich sicher.“ Sie nahm die Karaffe und füllte zwei Becher mit dem roten, würzig duftenden Getränk und reichte Iloyon einen. Der Bann war gebrochen. Er nahm den Becher und trank. Es war tatsächlich Wein, schmeckte aber nicht nach Trauben. Vielleicht war er aus Walderdbeeren gemacht. Dazu hing ein Hauch von Honig im Duft des seltsames Weins, er war süß, schwer und ein wenig scharf.
„Ein Glas zu viel davon, und unsere Köpfe sind so groß wie dieser Stein!“ Iloyon nahm einen tiefen Schluck, dann noch einen. Besser als abgestandenes Wasser und der widerliche, scharfe Wurzelschnaps, den Rhian im Lazarettzelt brannte. Sie benutzte ihn, um Wunden zu säubern, aber oft genug wurde das Zeug auch Schwerverwundeten eingeflößt, um ihre Schmerzen zu betäuben. Iloyon schüttelte sich unwillkürlich, nur bei dem Gedanken an den ekligen Geschmack.
Cianthara lachte. Sie trank von dem Wein, dann nahm sie noch ein Gebäckstück und lehnte sich an Iloyon. Sie sah zu den Sternen.
„Hörst du? Sie singen wirklich.“
Iloyon lauschte. Zuerst hörte er nur den sanften Wind in den Blättern, doch dann mischten sich andere Klänge in das stetige Rauschen. Es klang wie Glocken, kleine, große. Wie ein leises Klingeln, darunter dunkle, warme Schläge, die Töne flossen ineinander, schwebten miteinander, lösten sich voneinander, um wieder mit anderen zu verschmelzen. Es war, als hörte er den Wald, den Himmel, die ganze Welt um sich herum atmen. Iloyon schloss die Augen. Er erinnerte sich, dass er als Kind diese Musik oft gehört hatte, wenn er nachts allein durch die Wälder gestreift war. Doch je näher der Krieg seinem Zuhause gekommen war, desto seltener hatte er die seltsamen Klänge gehört, bis sie schließlich ganz verstummt waren unter dem Lärm der Heere. So sollte es sein, Es fühlte sich auf einmal so richtig an, hier zu sein. Bei dem Gedanken, unter diesen Klängen einzuschlafen, fühlte er sich so wohl und geborgen wie schon lange nicht mehr. Er öffnete die Augen und sah Cianthara an. In ihren Augen stand Sehnsucht. So tiefe Sehnsucht nach Frieden, dass es ihm ins Herz schnitt. Er nahm sie in den Arm und sie schmiegte sich ganz fest an ihn.
„Wir werden uns anhören, was sie zu sagen haben. Ich verspreche dir, meine Geliebte, wenn es ein gutes Angebot ist und es mit meinen Plänen zu vereinen ist, dann werde ich annehmen.“
Sie seufzte, dann hob sie den Kopf und küsste ihn. Bis der Morgen graute, saßen sie eng umschlungen beieinander, fütterten sich gegenseitig mit den Leckereien der Götter, tranken ihren feurigen Wein und lauschten auf das Lied der Sterne. Schließlich wehrte Iloyon sich auch nicht mehr, an diesem sonderbaren Ort zu schlafen. Mit Cianthara in seinen Armen rollte er sich auf einem Lager aus Kissen und Seidendecken zusammen und schlief so tief und traumlos und ruhig wie schon lange nicht mehr.

Erwählte des Zwielichts 20

zwielichtbild Für einen Moment schloss Iloyon die Augen und ließ die Gesichter seiner Gefährten durch seine Gedanken ziehen. Als er in das Wasser sah, sah er wie in einem Spiegel das Lager im Wald, das er vor einer Weile verlassen hatte. Die anderen lagen in ihre Umhänge gewickelt am Feuer. Sie schliefen, einige allein, einige im Arm eines anderen. Ein silbrig blaues Glühen lag wie eine Kuppel über den Schlafenden.
„Sirisas Zauber. Dennoch hätten sie eine Wache aufstellen müssen.“
„Mein Schutz“, antwortete Ti’shanari freundlich. „Eure Feinde werden sie nicht finden. Sie werden schlafen und nicht bemerken, dass ihr fort gewesen seid. Die Zeit hier und dort folgt unterschiedlichen Gesetzen. Was hier eine Nacht ist, ist dort vielleicht nur ein Lidschlag. Ich bitte euch, vertraut uns. Nehmt unsere Gastfreundschaft an, esst, trinkt und schlaft. Ihr seid hier genauso sicher, wie eure Freunde es dort sind. Lasst eure wunden Seelen ein wenig Heilung finden, bevor wir über das Geschenk sprechen, das wir euch geben wollen.“
Iloyon blickte von dem Wasser im Becher auf.
„Euer Bruder sprach von einem Handel, Herrin der Sterne.“
„Mein Bruder und ich“, sagte sie mit einem beinahe süffisanten Lächeln in Ti’shanars Richtung, „sind, was das angeht, ein wenig unterschiedlicher Auffassung. Doch am Ende wollen er und ich beide dasselbe. Zu eurem Besten.“
Iloyon zog eine Augenbraue hoch und wollte zu einer Erwiderung ansetzen, aber Cianthara legte eine Hand auf seinen Arm und schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Wir danken Euch“, sagte sie zu der Sternenherrin, dann zog sie Iloyon sanft zum Lagerfeuer und drückte ihn auf eines der Sitzkissen nieder.
Ti’shanari nickte ihnen zu. „Wir werden zurückkommen, wenn morgen die Sonne untergegangen ist und der erste Stern am Himmel steht. Dann werden wir euch unseren Vorschlag… unseren Handel erklären. Bis dahin sei dieser Platz Euer. Ihr könnt beruhigt schlafen. Hier seid ihr sicher, darauf habt ihr mein Wort und das meines Bruders. Möge eure Nacht still und eure Tagträume sanft sein. Wir sehen uns morgen wieder.“
Sie nahm den Arm ihres Bruders, beide nickten Iloyon noch einmal zu, dann traten sie von der Lichtung in den Schatten der Bäume und verschwanden ebenso lautlos, wie sie gekommen waren. Cianthara sah ihnen nach, dann lehnte sie sich an Iloyon.
„Wie in meinen Träumen. Es ist wie in meinen Träumen!“ Continue Reading →

Liebster-Award

award-150x150 Dank Kaye Alden wurde ich für den Liebster-Award nominiert. Da ich immer gleich nach allem grabsche, was Blogs bekannter machen und schreibende Menschen miteinander vernetzen kann, bin ich natürlich gern dabei.

Was ist der Liebster-Award?
Es geht darum, elf Fragen des Nominierers zu beantworten und im Gegenzug dafür weitere Blogger zu nominieren und ihnen ebenfalls elf Fragen zu stellen. Das Ganze dient dem Networking und dem Kennenlernen neuer Seiten, Blogs und vielleicht sogar Freunden.

Die Spielregeln
• Bedanke dich bei dem Autor/Blogger, der dich nominiert hat, und verlinke seine Website/seinen Blog.
• Verwende das Awardbild.
• Beantworte die 11 Fragen, die man dir gestellt hat.
• Formuliere im Anschluss daran 11 neue Fragen.
• Nominiere bis zu 11 weitere Autoren/Blogs und bitte darum, deine Fragen zu beantworten.
• Informiere die Nominierten natürlich über ihr Glück.
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Helen B. Kraft: Victorian Secrets – Verbotene Sünden

victorian_(640_x_480)Träume lügen nicht.

Niemand weiß das besser, als die Traumgängerin und Scotland Visional Yard Agentin Emma St.Claire. Während einer Mordserie in London wird sie auf Sir Ian Connery angesetzt, der in den Fokus der Ermittlungen gerückt ist. Um dessen Schuld zu beweisen, muss sie seine Träume analysieren, und schon bald wird klar, dass der Lord etwas zu verbergen hat. Etwas, das schwerer wiegt, als die Gefühle, die seine Berührungen in ihr wachrufen. Kann Liebe über Vernunft siegen?” – so der Klappentext des bei Romance Edition erschienenen Steampunk-Romans von Helen B. Kraft. Schon von der ersten Seite an wurde ich als Leserin hineingesogen in dieses so andere, von einer Umweltkatastrophe gezeichnete und veränderte London. Battersea veränderte nicht nur das Stadtbild, es veränderte auch die Menschen, machte viele von ihnen zu Besonderheiten, gab ihnen Fähigkeiten, die Fluch und Segen zugleich sind – wie Emmas Gabe, die Träume anderer besuchen zu können und damit zu helfen, verbrechen aufzuklären. Doch wer ist dieser Lord Connery, auf den das SVY sie angesetzt hat? was verbirgt er in seinen Träumen und welche dunklen Geheimnisse hütet er in seinem Keller? Emma ist hin-und hergerissen zwischen Faszination und Furcht, zwischen Leidenschaft und Zurückhaltung und schließlich zwischen Wahrheit und Lüge. Ein spannend erzählter Krimi mischt sich hier mit einer von knisternder Erotik durchzogenen, leidenschaftlichen Liebesgeschichte, bei der man am Ende nur darauf lauert, dass Emma und Ian sich endlich “kriegen”.
Gekonnt versteht es Helen B. Kraft, Hinweise zu streuen und ihre Leser immer wieder auf falsche Fährten zu locken, bis er schließlich resigniert und selbst schon beinahe glaubt, was auch der geplagte Ermittler Shawn Whiting so gern wahrhaben will – dass Ian Connery ein brutaler Killer ist.
Helen B. Kraft erzählt die Geschichte um Ian, Emma und den Van-Grummel-Zylinder mit dem ihr eigenen Charme und dem ihr eigenen herrlich trockenen Humor, der mir schon bei ihren Romanen “Höllenjob für einen Dämon” und “Höllenjob für einen Seraph” so gefallen hat.
“Victorian Secrets – verbotene Sünden” ist ein spannendes und packendes Steampunk-Krimi-Lesevergnügen, das ich uneingeschränkt empfehle.

Erwählte des Zwielichts 19

zwielichtbild Cianthara neigte den Kopf. „Wenn es eine Botschaft war, dann verstehe ich sie nicht.“
„Aber du hast sie doch verstanden, Kind der Dunkelheit. Und dein Gefährte ebenfalls. Denn sonst wärt ihr jetzt nicht hier. Wäre nicht das Wissen in euch, dann hättet ihr die letzte Schwelle nicht überschreiten können.“
„Die Schwelle wohin?“ Iloyon sah die Fremden an, die so unglaublich anziehend auf ihn wirkten.
Diesmal antwortete Ti’shanar. „An dem Ort, den wir euch finden ließen, sind die Grenzen zwischen den Welten fließend. Ihr seid bereit für das, was wir euch zeigen wollen, darum konntet ihr die Grenze in unsere Welt überschreiten. Wir beobachten euch schon eine ganze Weile, Kinder der Dunkelheit. Und was wir gesehen haben, gefällt uns.“
Iloyon zog eine Augenbraue hoch. „Warum? Warum beobachtet Ihr uns? Was seid Ihr?“
Ti’shanar lächelte, die Lichter in seinen Mitternachtsaugen funkelten. „Müssen wir es tatsächlich aussprechen?“ Seine Stimme klang amüsiert, der Spott tanzte auf seinen lächelnden Lippen.
Cianthara drücke Iloyons Hand. „Sie sind nicht wie wir“, flüsterte sie. „Spürst du es denn nicht?“
Iloyon erwiderte den Händedruck. „Mein Verstand weigert sich, es zu glauben, aber tief in mir fühle ich die Macht, die Euch umgibt. Ihr seid nicht von dieser Welt, und doch gehört Ihr dazu. Gehört Ihr zu den Göttern, für die in diesem Krieg immer wieder zu den Waffen gerufen wird?“
„Iloyon!“ Cianthara zuckte zusammen, aber Iloyon schob sie nur hinter sich und sah Ti’shanar herausfordernd an. „Seid Ihr es? Dann kann ich mich glücklich schätzen, Euch gegenüberzustehen. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass es das ist, was Ihr von mir zu hören erwartet habt!“
Für einen Moment weiteten sich Ti’shanars Augen. Sie wurden dunkel, als die meisten Lichter darin für einen Atemzug erloschen. Dann waren sie auf einmal wieder da, sie tanzten in den schwarzen Tiefen wie flammende Sterne. Ti’shanar stand einen Augenblick lang unbeweglich, dann begannen seine Lippen, zu zucken, und er brach in schallendes Gelächter aus.
Iloyon war so überrascht, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Er sah Ti’shanar an, der sich an Ti’shanari lehnte und sich vor Lachen schüttelte.
„Was ist so komisch?“ knurrte Iloyon schließlich. Cianthara legte ihm eine Hand auf die Schulter und legte mit einem fast flehenden Blick einen Finger an die Lippen. Ti’shanar fasste sich und atmete tief durch.
„Du gefällst mir, Iloyon von den Dunkelelfen. Es passiert nicht oft, dass mich jemand so amüsiert.“ Er gluckste noch immer unterdrückt.
„Was mein geliebter Bruder damit sagen möchte“, sprach Ti’shanari und bedachte ihren Bruder mit einem ungeduldigen Blick, „ist, dass wir nicht zu denen gehören, die diesen Krieg gutheißen oder gar unterstützen. Unser Ansehen in den Reihen der Erschaffer eurer Welt ist dadurch nicht gerade gestiegen. Wir haben euch beobachtet, weil ihr, gerade ihr beide, mit euren Gedanken über diesen Krieg beinahe so allein dasteht wie wir.“
„Und deswegen“, fuhr Ti’shanar fort, auf einmal wieder sehr ernst, „haben wir euch zu uns geholt. Wir möchten euch einen Vorschlag unterbreiten. Einen Handel.“
„Einen Handel?“ Iloyon wich einen Schritt zurück und prallte gegen den Onyxblock..
Ti’shanari seufzte. „Nicht so hastig, Bruder. Unsere Gäste sind verwirrt und erschöpft. Und sicherlich auch hungrig.“ Sie vollführte eine beiläufige Geste, und auf der Lichtung flammte ein Feuer auf. Um das Feuer bedeckte sich der Boden mit Fellen und Kissen aus schwarzer und roter Seide. Zwischen den Kissen tauchten niedrige Tischchen auf, auf denen Platten mit duftenden Speisen und Karaffen mit schimmernden Flüssigkeiten erschienen.
„Esst, Kinder der Dunkelheit. Und dann ruht euch aus. Wir werden später wiederkommen, und dann werden wir reden.“ Ti’shanari deutete mit einer einladenden Handbewegung auf das Lager. Iloyon spürte Ciantharas Bewegung hinter sich, sie schob sich an ihm vorbei und trat an das Feuer. Er nahm ihr Hand und hielt sie zurück.
„Wer sagt, dass Ihr Euer Wort haltet und unseren Gefährten nichts geschieht?“
Ti’shanari lächelte. Sie nahm einen Becher von einem der Tischchen, füllte ihn mit Wasser aus dem Bach und reichte ihn Iloyon.
„Denke an deine Freunde und sieh in das Wasser.“