Erwählte des Zwielichts 26

zwielichtbild VII

Thales’de, Edrenn’nen. Thales’de, Ha’ir’shalenn. Thales’de, Nithyara…
Wie ein Echo hallte dieses Wort in Iloyons Gedanken wider. Überall Flammen. Blaues Feuer tanzte über seine Haut, brannte ihm die Kleider vom Leib, aber er empfand kaum Schmerz. Der Schmerz war da, aber er verwandelte sich so schnell in etwas anderes, dass Iloyon ihn kaum als wirklich wahrnahm. Fingerspitzen berührten seine Haut. Es brannte, dann war es wie ein Guss eiskalten Wassers, wie die Spitze eines Messers, die seine Haut gerade eben ritzte, dann wieder wie die Berührung einer Geliebten. Iloyon stöhnte auf, er wölbte den Rücken und bog sich den Zärtlichkeiten entgegen. Noch nie hatte er so sehr nach Berührungen gegiert wie in diesem Augenblick. Er wollte nicht, dass es aufhörte, er wollte versinken in diesem Feuer.
„Cianthara…“
Mit einem lustvollen Stöhnen flüsterte er ihren Namen. Er öffnete die Augen, um sie anzusehen, denn niemand anderes konnte es sein, der ihn berührte. Er sah auf, sein Blick verschleiert vor Lust – und blickte in die Silberaugen der Sternenherrin, die über ihn gebeugt neben ihm kniete und ihre Finger über seine Haut tanzen ließ. Seine Hand war in eine andere Hand geschlungen, er wandte den Kopf und sah Cianthara neben sich im weichen Gras liegen. Ihre Augen waren geweitet und schimmerten dunkelrot, während ihr Körper sich unter den Zärtlichkeiten des Nachtschatten wand.
Iloyon wollte schreien. Er wollte sich entziehen, aber er konnte nicht. Wie konnte der Nachtschatten es wagen, auch wenn er ein Gott war, wie konnten sie es wagen Cianthara so zu berühren, ihn so zu berühren? Warum? Warum taten sie das?
„Nein…“
Die Sternenherrin legte ihren kühlen, sanften Finger auf seine Lippen. Dann beugte sie sich über ihn und küsste ihn. Es gab kein Entkommen. Seine Sinne versanken im Feuer. Cianthara drückte seine Hand. Ihre Stimme füllte seine Gedanken. Klar, deutlich. Hatte er jemals ihre Gedanken Worte in seinen Gedanken sprechen hören?
//Es ist gut, Tien’sha. Ta’nesha, es ist gut. Es ist ihre Art, uns zu den Ihren zu machen. Sie wollen uns. Ganz und gar. Lass dich fallen… es ist wunderbar, lass dich fallen! Ich liebe dich, Tien’sha. Ta’nesha. Aber… ich werde in den Zeiten, die kommen, auch Ti’shanar lieben. Und Ti’shanari. Genauso wie du.//
Iloyon keuchte auf. Der Kuss der Sternenherrin füllte seinen Mund mit Süße, mit Bitterkeit, mit Feuer und Leidenschaft.
Ihr gehört uns. Wir gehören euch. Alles ist eins. Kommt. Nehmt das Feuer. Nehmt die Leidenschaft. Nehmt den Schmerz. Lasst ihn euch läutern. Werdet Klingen und leistet euren Schwur.
//Iloyon…//
Wieder hörte er Ciantharas Gedankenstimme, voller Leidenschaft und Lust, er spürte ihre Lust, er fühlte, was sie fühlte und spürte, wie ihre Gefühle auf ihn übergingen.
//Es ist richtig. Sie und wir sind eins. Sie wollen uns nicht trennen. Im Gegenteil. Sie wollen alles, was wir sind. Und wir bekommen alles, was sie sind! Nimm es, Ta‘nesha!//
Ta’nesha?
Er erschauerte. Noch nie hatte er wirklich und wahrhaftig ihre Stimme in seinen Gedanken gehört. Und es war nicht nur ihre Stimme, die in seinen Gedanken klang. Da war die Stimme der Sternenherrin, die ihm zuflüsterte, dass er sich nur fallen lassen musste. Da war die Stimme des Nachtschatten, der ihm zuflüsterte, wie schon Cianthara war und wie sehr er sie begehrte – und wie schön er selbst war und wie sehr er ihn begehrte. Die Göttin löste sich von ihm und sah ihn an. Ihr Blick war voller Leben, voller Liebe. Sie beugte sich wieder über ihn, küsste ihn noch einmal, und diesmal erwiderte er die Liebkosung sofort. Ihm war, als würde er durch die Lippen der Sternenherrin Cianthara küssen, als wären seine Hände eins mit denen Ti’shanars, der ihren Körper erkundete und ihre Lippen küsste.
Der Kuss der Göttin floss zwischen seine Lippen, er spürte sie, er schmeckte sie, schmeckte Leidenschaft und Süße, den metallischen Geschmack von Blut und das bittere Salz von Tränen, aber auch alle Wildheit des Lebens. In diesem Augenblick verstand er. Alles war eins. Es gab nicht nur Leid und nur Schmerz, ebensowenig wie es nur Fröhlichkeit und nur Leichtigkeit gab. Das eine wurde aus dem anderen geboren, alles floss ineinander und strömte wieder eigenen Pfaden entgegen. Es gab nicht nur Cianthara und ihn. Er, der Nachtschatten, die Göttin und Cianthara waren eins.
Ta’nesha.
Das Wort pulsierte durch seine Gedanken, es schmeckte wie eine verbotene Frucht. Süß und gefährlich.
Ta’nesha.

Erwählte des Zwielichts 25

zwielichtbild „Eure Seelen, Treue, Kraft und euren Glauben. Wir wollen, dass ihr unsere Gabe weitergebt. Ihr werdet Stammeltern sein. Die Kinder, die aus eurer Liebe hervorgehen mögen, werden sein, wie ihr sein werdet. Nicht, wie ihr einmal wart. Und jeder, dem ihr unsere Gaben weitergebt, wird sich verändern, so, wie ihr, wenn ihr unsere Gabe annehmt. Wir werden eure Götter sein, und ihr unser erwähltes Volk.“ Ti’shanar sah Iloyon in die Augen. Sein Nachthimmelblick war jetzt tiefschwarz, die Lichtpunkte verschwunden.
„Ihr werdet unsere Klingen; und unsere Namen in die Welt zurücktragen. Ihr werdet ein neues Volk; und wir nicht länger zu den Beinahe Vergessenen gehören. Wenn ihr uns eure Hände reicht, dann …“ Er hielt inne. Iloyon glaubte, Furcht in den Nachthimmelaugen zu sehen. Konnten Götter Angst empfinden? Fürchteten sie ihr Schwinden so sehr, dass sie sich an die Entscheidung zweier zwar sehr langlebiger, aber doch nicht unsterblicher Wesen klammerten?
Die Sternenherrin legte ihre Hand auf die ihres Bruders und vollendete seinen Satz.
„Wenn ihr euch für uns entscheidet, dann rettet ihr unsere Existenz“, sagte sie. Ihr Blick war offen und ehrlich. Iloyon sah, dass sogar eine Göttin verletzlich sein konnte. Es erschreckte ihn, und zugleich spürte er eine tiefe Verbundenheit zu diesen Göttern, die so schonungslos ehrlich waren. Wo waren die Götter der Dunkelelfen? Hatte jemals einer von ihnen sich einem seines Volkes gezeigt? Iloyon konnte sich an ein einige wenige alte Sagen erinnern, aber nicht an mehr. So lange er lebte, hatte kein Dunkelelf leibhaftig einem Gott gegenüber gestanden.
„Ihr werdet uns nahe sein, nicht wahr?“ Cianthara sprach aus, was Iloyon dachte. „Ihr wählt uns. Aber zugleich wählen wir Euch. Wenn wir zusagen, dann werden unsere Schicksale miteinander verknüpft. Wir liegen als Klingen auf dem Amboss und Ihr seid die Schmiede.“
Die Sternenherrin nickte. „So wird es sein.“
Cianthara sah Iloyon an. Er erwiderte ihren Blick, hielt ihn fest. Er spürte, was sie dachte. Er spürte, wie sehr sie es wollte. Auch er wollte es. Die Sternenherrin und der Nachtschatten berührte etwas in ihm. Ihm war, als würden Saiten in seiner Seele mit einem Mal wieder klingen, die viel zu lange stumm gewesen waren. Er verspürte eine so große Sehnsucht nach Leben, dass es beinahe schmerzte. Wann hatte er das letzte Mal wirklich gelebt? In den Momenten, in denen in der Schlacht sein Blut sang, weil er seine Gefährten gegen einen Feind verteidigte? In den seltenen Augenblicken, in denen er mit Cianthara das Lager geteilt hatte, leidenschaftlich, voll von verzweifeltem Hunger und der nagenden Angst, dass dieses Mal das letzte Mal war, dass sie einander so nahe waren? Die Spannung knisterte auf der kleinen Lichtung.
Iloyon erhob sich. Er hielt noch immer Ciantharas Hand, langsam zog er sie mit sich und sie trat neben ihn. Die Götter erhoben sich ebenfalls. Nun standen sie einander gegenüber, Götterpaar und Dunkelelfenpaar, und sahen einander in die Augen. Die Sterne waren in den Blick des Nachtschatten zurückgekehrt, die Augen der Sternenherrin glühten im blauen Feuer. Die Zeichen auf der Haut der Götter schimmerten.
Wie schön sie sind. Wie unwirklich. Und doch sind sie da.
„Ich will es.“ Iloyon sprach die Worte mit fester Stimme. Er hatte sie noch nicht ausgesprochen, als Cianthara ebenfalls sprach: „Ich nehme an.“
Sie sahen einander an, dann knieten sie in einer fließenden Bewegung nebeneinander nieder.
Iloyon spürte eine Hand, die über sein Haar strich. Die Berührung war sanft und warm, es knisterte, als die schlanken Finger durch sein Haar strichen. War es der Nachtschatten, der ihn berührte, oder die Sternenherrin? Er wusste es nicht, aber er wollte, dass diese Berührung nicht endete. Sie war so anders als jede Berührung, die er jemals in seinem Leben gespürt hatte. Es war nur eine Hand in seinem Haar, und doch stand von einem Atemzug zum anderen sein ganzer Körper in Flammen. Er hörte Cianthara neben sich leise aufkeuchen, ihre Hand umklammerte seine fester. Iloyon spürte etwas auf seinen Fingern, heiß und kalt zugleich, etwas, das sich wie ein glühendes Band um seine und Ciantharas Hand schlang und sie wie in einem Paarschwur-Ritual aneinander kettete. Doch noch bevor er hinsehen konnte, versank seine Welt im Feuer der Sterne.
Das letzte, was er hörte, waren die seidigen Stimmen der Götter, die in seinen Gedanken sangen.
Willkommen im Sternenfeuer. Willkommen, Erwählte des Zwielichts. Willkommen, Kinder der Sterne. Thales’de, Edrenn’nen. Thales’de, Ha’ir’shalenn. Thales’de, Nithyara.
Er verstand jedes Wort in dieser fremden und doch so vertrauten Sprache. Nithyara. Nicht mehr Dunkelelf. Es fühlte sich an wie nach Hause kommen.

Mal nicht geschrieben, sondern gezeichnet

Seit einiger Zeit hat mich eine neue Sucht im Griff: das Tanglen. Nähere Informationen dazu gibt es auf der Zentangle-Webseite von Anya Lothrop: Zentangle Deutschland. Jeden Monat gibt es von Anya eine “Mustermixer-Challenge”. Die Aufgabe besteht darin, zwei Zentangle-Muster miteinander zu kombinieren, so dass sie sozusagen miteinander verschmelzen. Das hier ist mein Versuch, die beiden Zentangle-Muste “Ish” und “Luv-a” zu kombinieren. Ich denke, ich bin der Aufgabe, die Muster wirklich miteinander zu verschmelzen, nicht ganz gerecht geworden, aber mir gefällt das Ergebnis trotzdem.
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Erwählte des Zwielichts 24

zwielichtbild Die Sternenherrin senkte den Blick, aber Iloyon sah, dass ihre Augen sich mit Tränen füllten.
„Es tut mir Leid“, flüsterte sie. „Ich empfinde Reue.“
Ti’shanars Blick wurde hart. „Wenn ihr unsere Hände ergreift, dann wird euer Leben anders werden, aber nicht leichter. Wenn ihr euch entscheidet, Erwählte des Zwielichts zu werden, werdet ihr kämpfen müssen. In eurem eigenen Krieg. Ihr werdet Unverständnis ernten und in Gefahr sein, ihr werdet wachsam sein müssen wie die Tiere des Waldes und ihr werdet nur in Euresgleichen wirklich Frieden finden. Wir konnten nicht eingreifen, selbst wenn wir es gewollt hätten, denn der Krieg ist nicht unser Krieg.“ Er deutete zum Himmel.
„Erzähle von dem, den du Tyuran nennst, Iloyon von den Dunkelelfen, und sieh dabei zu den Sternen. Erinnere dich an ihn, wie du dich bei seiner Verbrennung an ihn erinnert hast. Hilf ihm, Cianthara. Erinnert euch beide. Und seht in die Sterne.“
„Wozu soll das gut sein? Er ist tot.“ Iloyon spürte den Schmerz wieder, er raste durch sein Herz, in seinen Gedanken, vor seinen Augen waren die Gesichter all derer die er verloren hatte. Sie schienen ihn anzusehen, einige abwartend, einige ruhig, einige vorwurfsvoll und einige tatsächlich vergebend. Als Cianthara nach seiner Hand griff, drückte Iloyon sie fest. Er sah zu den Sternen.
„Tyuran war ein Magier“, begann er. Seine Stimme zitterte. Er hatte nie viele Worte machen müssen um die, die neben ihm gefallen waren, denn die, die bei den Verbrennungen dabei gewesen waren, hatten die gefallenen immer gut gekannt.
„Er war der Jüngste in meiner Einheit, der jüngste Magier des ganzen vereinigten dunklen Heeres. Frisch von der Gilde war er zu uns gestoßen, gegen den Willen der Älteren, gegen meinen Willen – er war stur, er war unbeugsam, er wollte kämpfen, weil er etwas verändern wollte. Die Magie war stark in ihm. Sogar Sirisa, meine zweite Magierin, die älter und erfahrener war, sagte, sie hätte noch einiges von ihm gelernt. Er war voller Leben. Er hatte für jeden ein gutes Wort, er war immer freundlich, und er war bescheiden. Er suchte keinen Ruhm für sich. Er hat immer nur helfen wollen.“ Iloyon spürte seine Augen brennen. Er blinzelte. Am Himmel strahlte ein Stern, der ihm vorher noch nicht aufgefallen war. Er war größer als die anderen, sein Licht ein strahlendes Silberblau.
„Thalan’zhe Hai’re, Tyuran“, flüsterte die Sternenherrin und vollführte eine Geste zum Himmel. Der Stern strahlte noch einmal hell auf, dann schien er sich zwischen die anderen Lichter zurückzuziehen. Aber noch immer glühte er in einem deutlich bläulicheren Glanz als die anderen Sterne.
„Seine Seele ist jetzt hinter meinem Tor“, sprach die Göttin weiter. „Das soll mein erstes Geschenk an euch sein. Die Seele des letzten, der an eurer Seite gefallen ist, soll die erste sein, die als Kind des Zwielichts wiedergeboren wird.“
„Wiedergeboren?“ Cianthara sah sie an. „Thal-an-zhe-hai-re? Was bedeutet das?”
“Es ist unsere Sprache. Die Sprache der Sterne. Es bedeutet ‚Sterne mit dir‘ oder ‚Sterne über dir‘. Tyuran wartet jetzt dort. Seine Seele wird wiederkommen, sie wird einen neuen Namen tragen, aber wer ihn in seinem ersten Leben gekannt hat, wird ihn wiedererkennen. Das wird euch allen geschenkt werden, wenn ihr unsere Hand nehmt und unsere Kinder werdet. Der Tod wird dann nur noch eine Tür sein, die sich euch öffnet und hinter der ihr wartet, um sie eines Tages erneut zu durchschreiten, um in die Welt der Sterblichen zurückzukehren.“
Iloyon wusste nicht, was er sagen sollte. Es war zu phantastisch, zu unwahrscheinlich, aber er konnte nicht anders, er musste der Sternenherrin glauben. Tyurans Stern. Er sah noch einmal zum Himmel, dann sah er die Götter an.
„Damit ich es richtig verstehe“, versuchte er seine Gedanken zu ordnen, „was ihr uns bietet ist ein Leben als Eure Erwählten. Wir werden ein neues Leben beginnen, ablegen, was alt ist und wir werden eine Möglichkeit bekommen, aus den Zwängen unserer Welt, der zwei Seiten und des Krieges auszubrechen. Wir erhalten Eure Hilfe, Euer Sternenfeuer, Euren Schutz.“
Ti’shanar neigte den Kopf. „So ist es.“
Iloyon verengte die Augen. „Was verlangt ihr von uns dafür?“