Erwählte des Zwielichts 30

zwielichtbild VIII

Flammenstern lag auf etwas kühlem, harten, als er erwachte. Er fühlte sich ausgeruht, beinahe wie neu geboren. Neben sich hörte er ein zufriedenes Seufzen, ein warmer Körper schmiegte sich an ihn und er zog Nebelstreif enger an sich.
„Ta’nesha“, flüsterte er in ihr Ohr, das aus silbrigem Haar ragte und über dessen Spitze sich feine silbrige Zeichen wanden. Er küsste die Ohrspitze und fühlte Nebelstreif leise erschauern. Lasziv wand sie sich in seinen Armen, beugte sich zu ihm und küsste ihn.
//Flammenstern//, raunten ihre Gedanken seinen neuen Namen.
//Nebelstreif//, flüsterte er zurück. Es war so leicht. Sie konnten in ihren Gedanken so klar miteinander sprechen wie mit Worten. Instinktiv wusste Flammenstern, dass es keine Lüge geben konnte, wenn sie ihre Gedanken teilten Das war gut. Wie stark mochte die Macht dieser Gedankensprache sein?
Nebelstreif löste sich mit einem bedauernden Seufzen aus seinen Armen und sah sich um. „Wir sind wieder zurück. Erinnerst du dich? Diese Lichtung. Dieser Stein. Als wir uns die Hände reichten, holten uns die Götter. Wir sind zuhause, mein Flammenstern. Ich kann es fühlen. Die Alten, die Ni-Thi-Yanara, sie waren hier. An diesem Stein haben sie den Nachtschatten und die Sternenherrin verehrt. Hier haben sie den Bund mit ihnen geschlossen. Sie haben unter den Sternen auf diesem Stein gelegen und das Sternenfeuer in sich aufgesogen…“
Flammenstern nickte. „Ich hätte beinahe gesagt, ich kann mich daran erinnern. Was haben wir noch bekommen, als wir das Sternenfeuer in uns aufnahmen und zu neuen Nithyara wurden?“
Nebelstreif lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich glaube, das können wir jetzt noch nicht einmal im Ansatz ermessen. Wir müssen warten, bis es zu uns kommt. Ein Stein nach dem anderen, bis wir das ganze Bild im Mosaik sehen.“ Sie streckte sich und setzte sich auf, dann rutschte sie langsam von dem immer noch schimmernden Felsen. „Lass uns die anderen suchen und uns überlegen, wie wir ihnen erklären, was geschehen ist. Sie werden uns nicht erkennen.“
Flammenstern schaute in seine linke Handfläche. Die Narbe war immer noch da, die Narbe, die das Blutband mit Amayas bezeugte.
„Amayas wird mich erkennen“, sagte er. Er sagte es mit einer größeren Sicherheit, als er sie fühlte. In Wahrheit hatte er Angst. Er sah sein Spiegelbild in Nebelstreifs Augen, einen schlanken Mann in schwarzer Wildlederkleidung, die helle Haut mit blausilbernen Zeichen bedeckt, eine schwarze Maske mit geschwungenen Rändern vor dem Gesicht. Er sah nicht mehr aus wie Iloyon, sogar sein Name war nun ein anderer. Iloyon war ein Teil von ihm und würde es immer sein, aber jetzt war er Flammenstern, und ganz tief in seiner Seele war er Neumond.
Seelennamen.
„Sie haben gesagt, wir sollen ihre Gaben weitergeben.“ Flammenstern sah auf seine Hände. „Wie?“
„Ich glaube, das ist leicht.“ Nebelstreif hob die Hand und ließ die Sternenfeuerflamme darauf tanzen.
„So.“ Sie ließ das Feuer über ihre Fingerspitzen fließen und berührte ein Zeichen auf Flammensterns Hand. Ein heißer Strom durchfloss ihn, wie in der Nacht, als die Götter sie gezeichnet hatten. Er keuchte auf.
„Ta’nesha!“
Sie lachte. „Verstehst du? Wir können diese Zeichen weitergeben. Das Feuer weitergeben, wenn wir andere damit berühren. Die Sternengekrönte ist in diesem Feuer, ebenso wie der Nachtschatten. Sie führen uns.“
„Ich fühle sie auch. Es ist seltsam. Aber es fühlt sich richtig an. Ich bereue nichts.“
„Ich auch nicht. Ich glaube, Nithyara sind nicht dazu geschaffen, zu bereuen. Damals nicht und heute nicht. Wir sind zu lebendig, um zu bereuen. Hast du dich jemals so lebendig gefühlt? Hast du jemals so intensiv… alles gefühlt? Deine Hände. Wenn ich sie auf meiner Haut fühle, dann glaube ich, zu verbrennen und doch ist es wunderbar. Ich rieche den Wald, wie ich ihn nie zuvor gerochen habe, ich höre den Wald auf einmal ganz anders. Aber dieses Leben… dieses Feuer in mir, das ist… das Unglaublichste. Ich will singen und tanzen!“ Nebelstreif fasste seine Hände und wirbelte um ihn herum, bis sie beide das Gleichgewicht verloren und lachend ins weiche Gras fielen. Flammenstern landete über ihr, er sah ihr in die Augen, dann küsste er sie.
„Ich fühle, was du fühlst“, raunte er ihr zu, „und frage mich lieber nicht, was ich jetzt gern tun würde.“ Er seufzte mit leisem Bedauern. „Wir müssen warten. Das wichtigste ist jetzt, dass wir die anderen finden. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir fort gewesen sind.“
„Eine Nacht oder einen Monat, vielleicht ein Jahr.“ Nebelstreif strich Flammenstern eine Haarsträhne aus dem Gesicht und fuhr die Konturen seiner Maske nach. Es fühlte sich gut an, wenn sie ihn berührte, das hatte es immer schon – aber jetzt war er geradezu süchtig nach ihren Händen auf seiner Haut. Mit aller Selbstbeherrschung schob er sie sanft von sich, dann erhob er sich und reichte ihr die Hand, um sie auf die Füße zu ziehen.
„Also gut, gehen wir.“ //Auch wenn ich wirklich lieber etwas anderes tun würde.//
Nebelstreif lachte. //Hör auf, davon zu reden oder darüber nachzudenken, sonst zwinge ich dich, hier und jetzt, genau das zu tun.//
Die Bilder, die ihre Gedanken in seinen Kopf pflanzten, ließen ihm das Blut in die Wangen und auch in andere Körperteile schießen. Er schüttelte energisch den Kopf und führte sie in die Nacht. Es war dunkel, Sterne funkelten am Himmel, der Mond leuchtete voll. Vollmond. Hatte er nicht in der Nacht, in der er die anderen verlassen hatte, um ein wenig allein zu sein, Vollmond erwartet und stattdessen Neumond gefunden? Neumond. Er lächelte in sich hinein. Sein Seelenname. So vertraut.

Erwählte des Zwielichts 29

zwielichtbild „Flammenstern? Aber…“
„So sei es.“ Der Blick des Nachtschatten ruhte wohlwollend auf Iloyon Flammenstern. „Ich bin einverstanden.“
Iloyon – Flammenstern – sah den Nachtschatten an. Seine Gedanken waren ein einziges Durcheinander. Worte, die er vorher nie gesprochen hatte, krochen durch seine Erinnerungen, Worte einer Sprache, die in ihm erwachte. „Zhal’hair. Mein Name ist Zhal’hair. Diese Sprache… ich habe sie nie gesprochen, ich habe sie nicht gelernt, und doch füllt sie meinen Verstand.“
„Es ist die alte Sprache des Sternenvolkes. Bevor wir Beinahe Vergessene wurden, lange, bevor Elfen, Dunkelelfen und all die anderen Völker auf eurer Welt erschienen, hatten wir uns schon einmal ein Volk erwählt. Sie nannten sich Ni-Thi-Yanara, die im Zwielicht wandeln. Später wurde daraus Nithyara.“
„Nithyara. So nanntet Ihr uns, als wir im Sternenfeuer badeten.“ Nebelstreif runzelte die Stirn. „Die Bedeutung hat sich gewandelt. Jetzt bedeutet es Boten stiller Schmerzen. Warum? Warum gebt ihr euren erwählten Kindern so einen Namen?“
„Weil euer Weg schwer sein wird. Weil Schmerz euch begleiten wird. Ihr werdet leiden und daran wachsen. Jedes Leid, durch das ihr geht, wird wie ein läuterndes Schmiedefeuer sein, das den Stahl in euch stärker und schärfer macht. Ihr müsst es selbst herausfinden. Aber wir werden bei euch sein. Immer. Mehr Antworten dürfen wir euch nicht geben. Ihr müsst sie selbst finden.“
Flammenstern neigte den Kopf. Flammenstern. Bin ich das?
Er hob die Hand und dachte an das Sternenfeuer. Eine kleine, hellblaue Flamme erschien auf seiner Handfläche, tanzte und wurde eins mit dem Zeichen, das dort schimmerte. In dem Zeichen versank sie, wurde eins mit seiner Haut.
„Sehr gut.“ Die Sternenherrin lächelte.
„Ihr seid bereit, wieder zu euren Gefährten zurückzugehen. Bringt ihnen das Feuer, erzählt ihnen von uns und stellt sie vor die Wahl. Ihr werdet schnell merken, dass ihr sie braucht. Was eure größte Stärke ist, kann sich in eure größte Schwäche verkehren, in dem Moment, in dem ihr allein seid. Alleinsein ist nicht gut für ein Wesen, das vom Feuer der Sterne erfüllt ist.“
„Warum habt ihr davon geschwiegen?“ Flammenstern spürte einen Stich in sich, aber Nebelstreif sah ihn an und er atmete tief durch.
„Ich fühle es jetzt schon. Das Feuer ist in uns, aber wir müssen es nähren. Und das kann nur ein Nithyara für einen Nithyara tun. Das ist Macht, aber es hat seinen Preis. Wir werden nur gemeinsam stark sein.“ Nebelstreif nahm Flammensterns Hand. „Wenn wir allein sind, Ta’nesha, dann wird das Feuer in uns schwinden und wir werden … erfrieren. Aber gemeinsam werden wir brennen.“
„So ist es“, sagte der Nachtschatten. In seiner Stimme schwang Stolz mit. „Ihr seid wie wir. Auch wir können nicht einer ohne die andere existieren. Findet heraus, was ihr seid. Ihr werdet überrascht sein.“
Der Herr des Dunklen Mondes lächelte, herausfordernd und spöttisch. Flammenstern wollte etwas sagen, wollte protestieren, doch in dem Moment verschwamm die Welt um ihn herum. Ihm wurde schwindlig, Wind kam auf, wirbelte um ihn herum. Er spürte, wie Cianthara – Nebelstreif – sich an ihn klammerte. Einen Moment noch fühlte er die Anwesenheit der Götter ganz nah, wie eine warme Umarmung, dann glaubte er, zu fallen.
Es wurde dunkel. Wieder einmal.

Erwählte des Zwielichts 28

zwielichtbild Er lag auf einer weiten Ebene, über sich nichts als Nachthimmel und Sterne. Eine Weile blieb er liegen und schaute zu den Sternen, las in ihnen die Geschichten, die die Sternbilder erzählten und freute sich an ihnen wie ein Kind. Ihm war, als sei er endlich nach Hause gekommen, als sei etwas in ihm erwacht, das im Geheimen schon immer da gewesen war. Er fühlte sich erfüllt von einem tiefen Frieden, von einer so tiefen Ruhe, wie er sie vorher nie gekannt hatte. Sicher. Seiner selbst sicher und sicher vor Feinden. Er war geborgen in dieser sternendurchdrungenen Schwärze. Und er war nicht allein. An seiner Seite lag eine Frau, die, jetzt, wo er sich regte und langsam aufsetzte, langsam die Augen öffnete und ihn mit einem Lächeln ansah.
„Ta’nesha“, wisperte sie und nahm seine Hand. Ein Strom prickelnden Feuers durchfuhr ihn, als er ihre Hand umfasste und in ihre Augen sah, deren Iriden tiefe, schwarze Seen waren, umgeben von einem hauchfeinen blutroten Saum. Seine eigenen spiegelten sich darin, ebenso schwarz und rot wie ihre.
„Ta’nesha“, sagte sie noch einmal, in ihrer Stimme schwang ein Lachen, leicht und unbeschwert wie der Flug eines Nachtfalters.
„Ta’nesha“, wiederholte er. Geliebte. Aneinander Gebundene. Eins in Körper, Seele und Geist. Seelengeschwister.
Tien’sha hatte er sie früher einmal genannt, das Dunkelelfenwort für geliebte Schwester. Ta’nesha war so viel mehr.
Er ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten, und zugleich fühlte er, dass auch sie ihn ansah, voller Neugier und Bewunderung. Ihre Haut war schneeweiß, schimmerte wie Perlmutt, wenn sie sich bewegte, ihre langen, schlanken Glieder waren geschmeidig, ihre Bewegungen wie die einer Katze. Auf ihrer Haut schillerten unzählige Male, ineinander verschlungene Zeichen aus flüssigem blausilbernen Feuer, eingebrannt und doch in ständiger fließender Bewegung. Wie die Sternbilder am Himmel erzählten sie eine Geschichte. Die Frau erwiderte seinen Blick, dann löste sie ihre Hand aus seiner und fuhr mit einem Finger das Zeichen direkt über seinem Herzen nach. Es brannte. Es fühlte sich gut an. Erregend. Er stöhnte auf, und sie lachte wieder.
„Du bist der, der einmal Iloyon von den Dunkelelfen war“, sagte sie.
„Und du bist die, die einmal Cianthara von den Dunkelelfen war. Aber wenn ich dich ansehe, dann sehe ich einen anderen Namen. Cianthara ist noch immer da, aber sie ist nur ein Teil von der, die du nun bist. Ich sehe einen Namen in deiner Seele. Du bist Sternentanz.“
Sie lächelte.
„Ich bin eine Erwählte des Zwielichts. Ich bin ein Kind der Sterne. Und ich sehe auch in deiner Seele einen Namen, du, der du einst Iloyon von den Dunkelelfen warst. In deiner Seele heißt du Neumond.“
Sie schmiegte sich an ihn wie ein Kätzchen. Er schlang die Arme um sie, spürte ihre nackte Haut an seiner. Silberweißes Haar floss über ihren Rücken, Haar, von dem er sich erinnern konnte, dass es einmal schwarz gewesen war. Jetzt war es sternensilbern, ebenso wie sein eigenes. Gebleicht vom Feuer der Sterne, das sie verwandelt hatte. Es war seltsam, aber es gefiel ihm.
Schritte näherten sich, aber Iloyon spürte keine Angst. Er wusste, dass die Sternenherrin und der Nachtschatten kamen. Ihre Anwesenheit war wie eine schützende Mauer, wie eine warme Decke.
„Ihr habt eure Seelennamen gefunden.“ Die Göttin ließ sich ihnen gegenüber nieder, der Nachtschatten stellte sich hinter sie und sie lehnte sich an seine Beine.
„Diese Namen sind nur für euch bestimmt. Wer sie kennt, hat Macht über euch. Wir haben euch bei diesen Namen gerufen und sie mit Sternenfeuer in eure Seelen gebrannt. Es sind eure Seelennamen. Sie beinhalten alles, was ihr seid.“
Die Göttin zog etwas hervor – schmale Masken aus weichem schwarzen Leder. „Ihr werdet dies tragen, als Zeichen dafür, dass ihr nur uns und euch selbst gehört, und als Zeichen, dass nur die in eure Seelen schauen dürfen, denen ihr es gestattet. Die Maske steht für das Geheime, für euer innerstes Selbst, das niemanden etwas angeht außer euch und denen, mit denen ihr es teilen wollt. Niemand kann es euch nehmen.“ Sie nahm eine der Masken und legte sie Iloyon an, der Nachtschatten nahm die andere und band sie vor Ciantharas Gesicht. Sie sahen einander an. Und lächelten.
„Das steht dir“, sagte Cianthara sanft und strich zärtlich über Iloyons Gesicht. Er lächelte ebenfalls und berührte Ciantharas Wange.
„Mein Geheimnis“, flüsterte er. „Wie schön du bist.“
Die Göttin wandte sich ihnen zu. „Ihr braucht noch einen weiteren Namen, bei dem eure Gefährten euch nennen können. Ihr seid immer noch Iloyon und Cianthara, aber ihr seid nun auch Nithyara. Dämmerungskinder und Sternenboten, Schmerzbringer, Feuerseelen und Seelenheiler. Wählt eure neuen Namen.“
Cianthara lächelte. „Meine Mutter hat mir immer wieder eine Geschichte erzählt. Sie sagte, ich sei in einer Nacht geboren worden, in der der Nebel so dicht war, dass man keine Viertelmeile weit sehen konnte. Ich will mich daran erinnern und mich von nun an Nebelstreif nennen.“
„Ein guter Name.“ Die Göttin lächelte, der Nachtschatten neigte leicht den Kopf. „Und du, Iloyon Neumond? Wie sollen deine Gefährten dich nennen?“
Iloyon erwiderte ihren Blick. Auf einmal fühlte er sich leer. Selbst einen Namen wählen? Wie sollte er sich nennen? Bei den Göttern, in ihrer Welt, fühlte er sich sicher, aber wie würde es sein, wenn er vor den anderen stand, um ihnen zu erklären, was er getan hatte und warum? Es würde schwer werden, sie zusammenzuhalten, ihnen von den Göttern und ihren Gaben zu berichten und sie von der Richtigkeit eines neuen Weges zu überzeugen. Er war ein Kundschafterführer gewesen, ein Stratege, ein Planer, ein Spion, wenn es sein musste. Was würde er nun sein? Ein Anführer? Ein Stammvater? Ein Prophet vielleicht, ein Bote eines neuen Glaubens?
Cianthara – Nebelstreif – nahm seine Hand. „Ich werde dir einen Namen geben, Ta’nesha. Du wirst uns führen. Du wirst uns leuchten und wir werden dir folgen. Flammenstern.“

Erwählte des Zwielichts 27

zwielichtbild Iloyon spürte die Berührungen der Göttin auf der Haut, ihr Feuer, den Schmerz, die Lust.
„Nehmt, was wir euch geben. Werdet zu dem, was wir aus euch machen. Nehmt unser Feuer. Nehmt unsere Gaben. In eure Haut soll geschrieben stehen, dass ihr von nun an unsere Kinder seid. In eure Augen soll geschrieben stehen, dass ihr die Flammen der Sterne und den Zorn der Nacht, die Liebe des Lichtes und die Wildheit des Neumondes in euch tragt. Voller Gegensätze sollt ihr sein und doch in euch ruhen. Lautlos wie Schatten sollt ihr euch bewegen, leise und schnell sollt ihr töten, wie die giftigen Schlangen, die aus dem Moos heraufschießen und ihrem Opfer ihre Zähne in die Ferse stechen. Furchtbar soll eure Rache sein, wenn man euch erzürnt, aber ihr sollt lieben mit all eurer Kraft und all eurer Leidenschaft, wenn ein anderer eurer Liebe würdig ist. Ihr sollt fühlen, in allen Facetten sollt ihr das Leben fühlen. Gutes und Schlechtes, Schönes und Schreckliches, alles sollt ihr fühlen mit all seiner Macht. Ihr seid Kinder der Sterne, ihr seid Träger unseres Feuers. Schwört uns Treue, und ihr werdet nie wieder einsam sein, so lange euer Leben auch währen mag und was auch immer euch zustoßen mag auf euren Wegen.“
Die Stimme der Sternenherrin und die Stimme des Nachtschatten verwoben sich zu einem gemeinsamen Gesang voller Harmonie, in dem sich Licht und Dunkel zu einer perfekten, ewigen Dämmerung mischten. Sonnenuntergang und Sterne am Himmel, der Lauf des Mondes vom dunklen Neumond bis zur strahlenden Silberscheibe, von der hellen Silberscheibe zurück zum unsichtbaren Dunkelmond – diese Bilder zogen an Iloyon vorbei, während er sich im weichen Gras wand und die Liebkosungen der Götter annahm. Ciantharas Hand war noch immer fest um seine geschlungen, aber auch sie wand sich in Lust und Schmerz, als die Hände des Nachtschatten wieder und wieder über ihre Haut glitten und ihren makellosen Körper mit Tausenden dieser schimmernden Sternenfeuermale noch schöner machten. Iloyon konnte den Blick nicht von ihr wenden, auch nicht, als die Herrin der Sterne seinen Körper zu zeichnen begann.
„Ein Zeichen für alles, was ihr erlebt und daraus gelernt habt. Für den Schmerz. Für die Freude. Für die Liebe. Für die Angst. Für alles, was ihr gewonnen und verloren habt. Für euren Mut. Für euren Verlust. Für euren Gewinn. Für eure Seelen. Für den neuen Weg. Für alles, was ihr hinter euch lasst und für alles, was vor euch liegt.“
Die Stimmen der Götter sangen in Iloyons Ohren. Ciantharas Seele sprach offen zu ihn, so wie seine zu ihrer sprach, und in ihren Seelen hörten sie die Worte der Götter. Und ihre Seelen waren es, die schließlich antworteten.
Wir schwören euch ewige Treue. Ihr seid unsere Götter und wir sind eure Erwählten. Ihr stellt uns auf neue Wege und wir werden sie gehen. Wir werden das Feuer der Sterne weitergeben. Wir werden für euch erwählen und zu Klingen des Sternenfeuers machen, wen wir für euch für würdig erachten.
Flammen schlugen über ihnen zusammen. Iloyon breitete die Arme aus und schaute in den Himmel, seine Hand in Ciantharas Hand, auch sie lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken. Hände woben über ihren Körpern die Zeichen, und am Ende wusste Iloyon nicht mehr, wer ihn berührte, die Herrin oder der Nachtschatten, und es war ihm auch gleich – sie waren eins. Er, Cianthara, die Göttin, der Gott, es war gleich. Alles war eins. Und alles war gut. Es war auch in dem Augenblick noch gut, als er glaubte, nicht mehr ertragen zu können, in dem Moment, als die Flammen des Sternenfeuers sie alle einhüllten. Er glaubte, zu verbrennen, und dennoch warf er sich den Flammen entgegen. Ohne darüber nachzudenken, tat er, was die Götter gesagt hatten – er warf alles, was er hinter sich lassen wollte, in die Flammen, er ließ sie all das läutern, was er sich bewahren wollte. Als die Flammen Einlass in seine Seele forderten, ließ er sie ein.
Da war nur noch Feuer.
Und dann sanfte Dunkelheit und eine ganze Weile nichts mehr.