Erwählte des Zwielichts 42

zwielichtbild „Lege deine Kleider ab und lege dich auf dem Rücken auf den Stein. Breite die Arme aus und lass dich fallen. Du musst nichts weiter tun. Öffne dich und nimm an, was wir dir geben.“
Amayas schluckte sichtlich, als Nebelstreif ihn ansah. Flammenstern konnte es ihm nicht verübeln – sie war wunderschön, sie schimmerte im Glanz des Sternenfeuers und seit sie verwandelt worden war, wirkten ihre Formen so viel geschmeidiger, runder, ohne die raubtierhafte Kraft in ihr zu verschleiern. Sie war pure Verführung. Amayas‘ Blick flackerte, er leckte sich die Lippen und schluckte wieder. Flammenstern sah seine Hände zittern. „Was hast du?“
„Nichts. Gar nichts.“ Amayas senkte den Blick. Dann streifte er seine Kleider bis auf ein schmales Lendentuch ab und legte sich rücklings auf den schimmernden Stein und breitete die Arme aus. Er sah aus, als wolle er sich dem Nachthimmel und den Sternen opfern. Flammenstern hatte seinen besten Freund und Bruder noch nie so verletzlich gesehen. Es rührte ihn. Und er hatte noch nie so sehr das Verlangen verspürt, Amayas zu berühren. Für einen Moment erschrak er vor sich selbst, als ohne dass er es wirklich wollte das Sternenfeuer auch auf seinen Fingerspitzen zu tanzen begann. Die anderen nahm er nur noch als schemenhafte Gestalten rund um den Stein herum wahr, es schien hm, als sei er bereits wieder zum Teil in der Welt der Götter. Feuriges Prickeln rann über seine Haut. Nebelstreif sah ihn an, dann trat sie ihm gegenüber an den Stein, die Hände mit dem Sternenfeuer erhoben.
//Wir tun es gemeinsam//, klang ihre Stimme in Flammensterns Gedanken. //Wir nennen ihn beide Freund, du nennst ihn Bruder, und er fühlt sich zu uns beiden hingezogen. Lass uns ihm das Geschenk gemeinsam geben. Vielleicht versteht er dann auch, dass es viele verschiedene Arten von Liebe gibt, und dass keine einzige davon falsch ist – denn was kann falsch sein am Lieben?//
Flammenstern berührte Nebelstreifs Hände, feine Funken stoben auf und fielen auf Amayas‘ Haut nieder. Amayas holte tief Atem, ein Schauer rann über seinen Körper. Zugleich ließen Flammenstern und Nebelstreif ihre Hände auf Amayas‘ Brust sinken, ihre Finger berührten die blasse Haut und hinterließen Zeichen. Continue Reading →

Kinderbuchschätzchen

hummerklippenVor einer Weile habe ich mich mit meiner Gesangslehrerin beim Katzenkaffee (dem gemeinschaftlichen Kaffeetrinken und Keksevernichten nach erfolgreichem Katzensitterdienst) über Bücher unterhalten, die wir auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Dass von den berühmten drei Dingen, die man auf die berühmte einsame Insel mitnehmen darf, zumindest eines ein Buch sein muss, da waren wir uns ziemlich schnell einig. Doch als uns beim aufzählen möglicher Buchkandidaten auffiel, was wir denn auf jeden Fall für unsere Robinson-Crusoe-Erfahrungen einpacken würden, kamen wir doch ins Nachdenken – denn sowohl in ihrer als auch in meiner Aufzählung nahmen ältere Kinder-und Jugendbücher sehr großen Raum ein. Ihr Favorit war James Krüss, meine (da ich gestehen musste, dass sich meine Erfahrungen mit James Krüss auf die Lektüre von Romanauszügen und Gedichten in Schul-Lesebüchern beschränkten) Favoritin Astrid Lindgren, Otfried Preußler und Michael Ende. Wir kamen regelrecht ins Schwärmen, als wir uns die Titel unserer Kinderbuchschätze wie Schokolade auf den Zungen zergehen ließen. “Der Leuchtturm auf den Hummerklippen” von James Krüss, oder seine Geschichten vom kleinen und vom großen Boy: “Mein Urgroßvater und ich” oder “Mein Urgroßvater, die Helden und ich”. “Mio mein Mio” von Astrid Lindgren, ihre unbezähmbare “Ronja Räubertochter”, die wunderbar schöne heile Welt der “Kinder aus Bullerbü” oder die freche “Pippi Langstrumpf” (was uns zum Überlegen brachte, wie denn die vielen Vornamen der langbestrumpften jungen Dame nun lauten… na? Wisst ihr es noch?). Michael Endes “Momo” ist mir ebenso eine treue Wegbegleiterin geworden wie Otfried Preußlers “Krabat” und ich weiß jetzt noch, wie ich im Kindergarten “Das kleine Gespenst” und den “kleinen Wassermann” geliebt habe, oder “Die kleine Hexe”.
Ich gebe zu – ich liebe all diese Bücher und ich lese sie immer wieder gerne und ich bin immer wieder überrascht, was diese Bücher auch uns Erwachsene noch lehren können. Wenn ich sage “ich habe keine Zeit”, dann sehe ich ein wuschelhaariges Mädchen in buntem Rock und viel zu großer Männerjacke vor mir stehen, die eine Schildkröte auf dem Arm trägt. Momo hat mir beigebracht, dass es dieses “keine Zeit haben” gar nicht gibt, denn zeit ist ja da – ich muss sie mir nur einteilen, sie gut und weise nutzen und wichtige Dinge vor unwichtige stellen. Es gibt Tage, da brauche ich ein bisschen von Pippi Langstrumpfs Frechheit, und solche, an denen ich mir eine Scheibe der philosophischen Gelassenheit des großen Boy in der Hummerbude abschneiden sollte. Es gibt tage, da will ich mich einfach nur wegträumen und in einem Märchen versinken, und dann gehe ich mit Mio auf die Suche nach den verschwundenen Kindern und kämpfe gegen Ritter Kato. Und lerne zugleich noch, dass ich kein großer strahlender Held sein muss, um gegen die Widrigkeiten des Lebens zu bestehen. Es reicht, Brot zu haben, das Hunger stillt, Wasser, das Durst löscht und einen Zauberlöffel, der immer wieder Kraft gibt. Meine Kinderbuchschätze sind für mich solche Zauberlöffel. und ich bewundere ihre Autorinnen und Autoren, die es geschafft haben, mich ohne Moralkeule und oberlehrerhaften Holzhammerton an das zu erinnern, was im Leben wirklich zählt.
Kramt sie doch mal wieder heraus, diese Kinderbuchschätze, die auch für uns Große Fundgruben sein können. Lest “Die Brüder Löwenherz” mit jemandem, ob groß oder klein, der den Tod nahen sieht und sich fürchtet. Gebt “Momo” denen an die Hand, die keine Zeit haben. Mit denen, die über das Sprache und Helden philosophieren wollen, besucht den großen und den kleinen Boy, und nehmt den mit auf die Hummerklippen, die Geschichten und Gedichte lieben. Und wer weiß – vielleicht schreibt ihr dann auch eines Tages Gedichte auf Kiefernbretter und Geschichten auf die Rückseiten von Seemannskalendern, Teetüten und Tapetenrollen. Denn dafür sind Rückseiten praktisch. Hat mir der alte Boy verraten.

Erwählte des Zwielichts 41

zwielichtbild Flammenstern erwachte davon, dass jemand lachte. Stimmen klangen gedämpft zu ihm herüber. Der Duft von bratendem Fleisch und Kräutern zog über die Lichtung und machte auch vor dem Zelteingang nicht halt. Flammenstern räkelte und streckte sich. Seine Knochen knackten und er hatte das Gefühl, als schöben sich seine Wirbel endlich wieder in Positionen, in denen sie keine Rückenschmerzen verursachen würden. Er fühlte sich herrlich entspannt und auf eine beinahe dekadente Art und Weise zufrieden. Nebelstreif öffnete neben ihm die Augen und küsste ihn auf die Nase.
„Das war unglaublich.“
„Ich frage mich, was die anderen davon mitbekommen haben.“
„Das werden wir sehen, wenn wir uns aus diesem Zelt hinaustrauen. Ich würde sagen, je breiter sie grinsen, desto lauter waren wir.“
Flammenstern lachte leise, schlüpfte in seine Hosen, legte seine Maske an und kroch aus dem Zelt. Draußen wurde er von einem ziemlich breit grinsenden Amayas empfangen.
„Sterne über dir, Heerführer! Ich denke, das ist ein passender neuer Gruß für uns.“ Seine Augen funkelten, teils belustigt, teils schimmerte etwas in ihren blutroten Tiefen, das Flammenstern nicht deuten konnte.
„Sterne über dir, das gefällt mir.“ Flammenstern sah zum Himmel. Glühende Lichtpunkte schimmerten durch das Blätterdach. Ist jeder Stern eine Nithyaraseele, die darauf wartet, in einem unserer Nachkommen wiedergeboren zu werden?
„In den Worten der Götter heißt es Thalan’zhe Hai’re. Wir werden euch die Sprache der ersten Erwählten beibringen. Sie wird uns schützen. Niemand kann uns belauschen.“
Amayas‘ Grinsen wurde breiter. „Manchmal kann man gar nicht anders, als andere zu belauschen!“ Continue Reading →