Erwählte des Zwielichts 67

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

Malika schüttelte den Kopf und hastete hinter den anderen her, als sie Liandras ungeduldig ihren Namen rufen hörte. Nur noch wenige Schritte trümmerübersäter Straße trennten sie von dem Torhaus. Katapultgeschosse hatten tiefe Wunden in die Stadtmauer gerissen, Löcher in Häuser geschlagen und einen Wachturm zertrümmert. Das Torhaus allerdings schien beinahe unversehrt. Malika ahnte, warum Khara und Tirac dieses Gebäude genauer untersuchen wollten.

„Es hat so gut wie keinen Kratzer abbekommen.“ Liandras sprach aus, was Malika dachte. „Scheint solider gebaut zu sein, als der Rest der Mauer.“

„Ja, aber warum?“ Dirian hob einen Stein auf und warf ihn gegen eine Mauer des Torhauses. Mit einem hohlen, fast metallischen Laut knallte er gegen die Mauer und fiel auf den Boden.

„Was war das denn?“ Malika trat näher an das Torhaus. Die Tür hing in den Angeln, geschwärzt von Flammen wie das gesamte Gebäude, aber bis auf den Rußschleier war es tatsächlich unversehrt. Fußspuren im Ruß zeigten, wo Khara und Tirac gegangen waren, auf dem Türgriff zeichneten sich Griffspuren schmaler Finger in Handschuhen ab.

Malika kniff die Augen zusammen. „Jetzt hätte ich gern Iendra hier“, murmelte sie. „Dann könnte sie uns sagen, ob sie da drin etwas spürt…“

Nidhan hatte angefangen, mit einem Stein die Wände des Torhauses abzuklopfen. Jeder Schlag klang hohl und metallisch. Mauerwerk bröckelte ab, darunter kamen Eisenplatten zum Vorschein. „Seht euch das an!“

„Das ganze Ding ist metallverstärkt. Was für ein Aufwand für so ein unscheinbares Torhaus.“ Liandras pulte noch mehr Mörtel und bröckeligen Stein aus dem Loch, legte mehr von der Eisenplatte frei. „Irgend etwas sollte hier ganz besonders geschützt werden. Nur was?“

„Gehen wir rein“, sagte Dirian. „Darum sind wir schließlich hier.“

Liandras nickte. „Also gut. Aber seid vorsichtig. Ihr wisst, was Khara passiert ist. Und Tirac.“

Sie kramten Dämmersteine aus ihrem Marschgepäck, faustgroße rote Juwelen, die in Dunkelheit gedämpftes rötliches Licht abgaben. Auch wenn die Menschen den Dunkelelfen immer nachsagten, in vollkommener Nacht sehen zu können, war das doch nur ein Gerücht, von dem Malika sich schon einige Male gewünscht hätte, es wäre wahr. Sie zog ihr Schwert, hängte sich den an einer Kordel baumelnden Dämmerstein um den Hals und schob sich vorsichtig durch die Tür ins Innere des Torhauses. Die anderen folgten ihr langsam. Das Innere des Gebäudes bestand aus nur einem einzigen Raum, in dessen Mitte ein mehr als zwei Schritte durchmessendes Loch klaffte. Der Rand bestand aus spitzen Zacken, die das Loch sternförmig wirken ließ. Malika konnte nicht ausmachen, wie tief es hinunterging. Nur vage erkannte sie Sprossen in der Wand wie von einer Leiter.
„Eine Geheimtür? Ein Fluchtweg? Das würde erklären, warum das Haus so gut gegen Katapultgeschosse gesichert ist.“ Dirian umrundete das Loch.

„Hier, das scheint der Mechanismus zu sein.“ Liandras zeigte auf eine Nische, in der im matten Licht der Dämmersteine ein Hebel aus Messing glänzte. Liandras zog an dem Hebel, ein knirschendes Geräusch erklang, und die Steinspitzen schoben sich langsam aus dem Rand des Lochs wieder heraus. Liandras schob den Hebel zurück, und unter ähnlichem, zahnschmerzeugenden Knirschen öffnete das Loch sich wieder.

„Interessant“, murmelte er.

„Runter?“ fragte Malika und ärgerte sich, dass ihre Stimme so zittrig klang. Der Gedanke daran, was sie finden mochten, wenn sie in dieses Loch hinunter kletterten, gefiel ihr nicht.

Liandras nickte. „Wir gehen runter.“ Er warf einen Blick in die Runde. „Haltet eure Waffen bereit, wir wissen nicht, was uns da unten erwartet. Vielleicht ist das Ding, das Tirac angegriffen hat, noch da.“

Erwählte des Zwielichts 66

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

IV

Sie trafen Beluan und seine vier Kundschafter vor dem Tempel. Liandras begrüßte Beluan, indem er dessen Unterarm mit festem Griff umfasste. Beluan erwiderte die Geste und umarmte Liandras kurz. „Hast du das von Khara und Tirac gehört?“

Liandras nickte. „Darum sind wir hier. Wir sollen dort mit unserer Patrouille beginnen, wo du die beiden zuletzt gesehen hast.“

„Das war im Südviertel nahe den Überrasten der Stadtmauer. Folgt der Hauptstraße nach Süden, dann kommt ihr an das alte Südtor. Ich sah Khara das letzte Mal, als sie mit Tirac zusammen das Torhaus durchsuchte. Ich hatte den beiden den ausdrücklichen Befehl gegeben, nicht allein in ein Gebäude zu gehen, das nicht sicher scheint, und das Torhaus sah aus, als würde es beim nächsten Windstoß zusammenbrechen. Tirac muss irgendetwas darin gesehen haben, denn er rannte los und verschwand darin, bevor Khara ihn zurückhalten konnte. Als ich mit den anderen zu den beiden stieß, war es bereits zu spät. Khara kauerte über Tiracs ekelhafter Leiche und faselte etwas von Schatten und blauem Feuer, wir bekamen keinen klar artikulierten Satz aus ihr heraus. Wie auch immer, seid vorsichtig, wenn ihr euch da unten umseht, Liandras. Mich bekommen keine zehn Gäule mehr ans Südtor. Am liebsten würde ich zu Tayara gehen und sie um eine Standortverlegung bitten. Auf Knien, wenn es sein muss. Mit dieser Stadt stimmt etwas nicht. Das, was Tirac getötet hat, kann nur eine Falle sein, die uns die Lichtlinge und ihre verdammten Menschenfreunde zurückgelassen haben. Wahrscheinlich sind alle Gebäude hier damit gespickt, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann es die nächsten erwischt.“ Continue Reading →

Erwählte des Zwielichts 65

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Tayaras Braue wanderte noch ein wenig höher. „Und was lässt dich darauf schließen?“
„Wir wurden über Tag in unserem Quartier angegriffen. Und ebenso zwei der Tagwachen.“
Malika beobachtete Tayara genau, während Liandras sprach, und sie sah, dass der drahtige Körper der Befehlshaberin sich spannte wie eine Bogensehne. Sie konnte die Worte fast sehen, die Tayara auf den Lippen brennen mussten. Sah, wie Tayara sich zwingen musste, Liandras nicht zu unterbrechen. Die Stiefelspitze der Generalin tappte leise auf den Boden. Unwillkürlich schloss sich Tayaras Hand um das Heft ihres Langdolches.
„Kein elfischer oder menschlicher Gegner“, fuhr Liandras fort. „Dennoch ein Gegner. Ich kann dir nicht einmal genau sagen, was es war, General, denn wir sahen nur einen Schemen, einen Schatten, der Kälte mit sich brachte und bereit war, uns anzugehen. Malika und ich durchbohrten ihn mit Klingen. Ich weiß, dass das wie eine Kindergeschichte klingt, wie ein Märchen. Aber sieh her, General: das sind die Klingen, mit denen wir uns verteidigten.“ Er zeigte sein verrostetes Schwert, und Malika legte ihren zerstörten Dolch vor Tayara auf den Tisch. Die betrachtete mit gerunzelter Stirn die Waffen. „Ein Schatten soll das verursacht haben? Was für ein Schatten? Ein Geist, ein Schemen? Wollt ihr mir sagen, dass es hier spukt?“ Sie ließ eine behandschuhte Fingerspitze über die zerstörten Klingen fahren und blies fast verächtlich rostigen Staub in die Luft.
„Wir berichten nur, was wir gesehen haben“, sagte Liandras. „Wir haben den Schemen gesehen, und wir konnten ihn fühlen. Er war wie ein dunkler Nebel, und um ihn herum wurde es kalt. Raureif erschien auf den Möbeln in unserem Quartier. Wir haben keine Ahnung, was das Ding bei uns gewollt haben kann. Aber wenn du dir Iendras Bericht anhörst, General, dann gab es wahrscheinlich gar keinen Grund, warum es bei uns war – denn wahrscheinlich fast zur gleichen Zeit griff ein ebensolches Ding Khara und Tirac von der Tagwache an.“
Tayara nickte mit fest zusammengepressten Lippen. Malika sah keine Regung in ihrem versteinerten Gesicht. Tayaras Blick wanderte zu Iendra. „Heilerin? Was hat die Tagwache berichtet?“
„Kundschafter Tirac ist tot, General. Er ist noch im alten Palast. Ich habe versucht, mit Khara zu sprechen, denn sie hat alles gesehen. Aber das einzige, was ich aus ihr herausbekomme, ist, dass sie ebenfalls über Kälte spricht. Sie friert, meine Heiler und ich bekommen sie kaum wieder warm. Und auch sie spricht von einem Schatten, wie Nebel, der Tirac einhüllte. Und tötete. Khara selbst hat Wunden davongetragen, die aussehen, als sei brennendes Öl auf ihre Haut getropft.“ Continue Reading →

Erwählte des Zwielichts 64

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Der Gedanke war zu verlockend. Aber Malika konnte sich bei allem Unbehagen nicht dazu durchringen, vor allem wegzulaufen, was ihr Leben ausmachte. Vor ihrem Volk, ihrer Vergangenheit, ihrer Geschichte und ja, verdammt, ihrem Krieg. Sie fühlte die Kampfmüdigkeit um sich herum, und jede Nachricht von einer verlorenen Schlacht und gefallenen Brüdern und Schwestern zerriss sie innerlich ein wenig mehr, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen, sich von all dem abzuwenden und den Lichtlingen das Feld kampflos überlassen. Sich nicht mehr einmischen? Auch das war doch weglaufen. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass Iloyon etwas richtig gemacht hatte und sie selbst auf der Seite stand, die kurz davor war, einen großen Fehler zu machen.
Mit diesen Gedanken in einer endlosen Schleife führte Malika Iendra zu ihrem Tagquartier, wo Liandras sich bereits um das Frühstück gekümmert hatte. Dirian und Nidhan waren bereits zu Tayara aufgebrochen, um ihre genauen Befehle zu empfangen. Malika war das nur Recht. Nicht, dass sie den beiden nicht traute – aber wichtiger als das Urteil der anderen war ihr Liandras‘ Meinung.
„Iendra, gut, dass du da bist.“ Liandras sah vom Kochfeuer auf und nickte der Heilerin zu. „Malika hat dir schon alles erzählt?“
Iendra nickte. Ihr Blick hing an dem dunkel verbrannten Fußboden. „Hier?“
Malika nickte und deutete auf den ebenfalls angekohlt aussehenden Sessel und die verrosteten Klingen. „Das ist von unseren Waffen übergeblieben. Und hier ist das Ding … verschwunden. Liandras, Khara und Tirac von der Tagpatrouille sind ebenfalls von so einem Vieh angegriffen worden. Khara ist vollkommen verwirrt und schwer verletzt, Tirac … ist tot. Er sieht fürchterlich aus. Als hätte das Ding ihn zugleich verbrannt und verätzt.“ Continue Reading →