Erwählte des Zwielichts 77

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)In einiger Entfernung sah sie Flammen züngeln und Rauch in den Himmel aufsteigen, ein beißender Geruch lag im Wind, der Rufe und Schreie mit sich trug. Sie schauderte. Noch mehr hing in der Luft als nur ein seltsamer Gestank und der Lärm, Iendra konnte es nicht ausmachen, aber es zerrte an ihrer Gabe, Auren zu sehen, und als sie sich konzentrierte, zeigte ihre Sicht ihr nichts als finstertes Schwarz.

„Verdammt“, murmelte sie und begann zu laufen, immer in die Richtung, aus der sie die Flammen schimmern sah, und wohin auch schon andere unterwegs waren. Immer mehr Soldatinnen und Krieger rannten an ihr vorbei, und Iendra schloss sich dem Strom an. Fragen huschten an ihren Ohren vorbei, sie blickte in geweitete Augen, verwirrte Gesichter, sah blankgezogene Waffen, hörte Alarmrufe. Ein Angriff?

„Was ist passiert?“ rief sie einem an ihr vorbeihastenden Unteroffizier zu, den sich schon einige Male in Varaels Kielwasser gesehen hatte. „Angeblich gab es einen Angriff auf das Quartier der Generäle“, keuchte er im Laufen, „anscheinend waren es Dämonen…“

„Dämonen.“ Iendra lief weiter. Ihr wurde schlecht, sie ahnte, was sie sehen würde, als ihr Weg sie immer näher an die von den Heerführern besetzte Tempelanlage führte. Einer der Türme brannte. Jetzt erst sah Iendra, dass sie Flammen, die sie aus der Ferne nur hell hatte flackern sehen, eine eigenartig kränkliche grünliche Farbe hatten und ganz offensichtlich diesen beißenden Gestank verursachten. Vor dem Zugang der Anlage schimmerte der Boden feucht von Blut. Die Wachen lagen am Boden. Jetzt würgte Iendra wirklich: die Wachen waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Und da lagen noch mehr Gestalten am Boden, zusammengekrümmt, wie mit beißender Säure übergossen, tot. Im Tempeltor stand Tayara, ihr Umhang wehte im Wind, blähte sich um sie, machte sie zu einer Kriegsgöttin. Schrammen wie von Klauen zogen sich über ihr Gesicht. Die Klinge in ihrer Hand glänzte von Blut. Neben ihr traten Soldaten aus dem Tempel, gefolgt von Varael und Durnin. Sie brüllte Befehle, jemand rief nach einem Heiler. Iendra schluckte ihre Furcht hinunter und trat vor. „Ich bin hier!“

„Zu mir, Heilerin! Ihr anderen – ausschwärmen, durchkämmt die Stadt, bringt mir die, die das getan haben!“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe, und als Iendra nähertrat, sah sie das fast irre Funkeln in ihren Augen. Sie salutierte. „General, hier bin ich. Was ist passiert?“

„Lucai“, sagte sie knapp, „Shinyenna. Geh mit Varael.“

„General, Euer Gesicht…?“

„Nicht wichtig“, schnappte Tayara, „nur Kratzer. Shinyenna und Lucai brauchen dich.“

„Komm mit, Heilerin.“ Varael packte Iendra an der Schulter und stieß sie grob in den Korridor. Iendra taumelte, fing sich, folgte Varael, der mit schnellen Schritten vorausging. Iendra ging über geschwärzte Bodenfliesen, die irgendwann einmal weiß gewesen waren, vorbei an feuchten dunklen Flecken und weiteren zusammengekrümmt und verbrannt daliegenden Körpern. Der Gestank wurde immer schlimmer. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Diese Dinger, die Tirac getötet hatten, waren hier gewesen. Tirac, den Tayara als Unfall bezeichnet hatte. Diese Dinger, von denen Tayara wusste. Sie waren hier gewesen, hatten Soldaten massakriert und …

Varael war stehengeblieben und öffnete eine Tür. „Tu, was du tun kannst, Heilerin“, sagte er dumpf. Erst jetzt sah Iendra, dass seine linke Hand kraftlos herabhing und die dunkle Haut mit Brandblasen und blutigen offenen Wunden übersät war. Er schüttelte unwisch den Kopf, als sie die Finger anstarrte. Sie trat an ihm vorbei ins Zimmer.

Da lagen auf zwei notdürftig zusammengeschusterten Lagern Shinyenna und Lucai – oder das, was von ihnen übrig war. Lucais Gesicht war kaum mehr als eine blutige Masse, die Haut zur Unkenntlichkeit verätzt und verbrannt. Shinyenna lag leise wimmernd neben ihm. Da, wo einmal ihr rechter Arm gewesen war, befand sich nur noch ein notdürftig verbundener blutender Stumpf, und ihre Beine …

„Götter“, hauchte Iendra. Sie musste die Verletzten nur ansehen, um zu wissen, dass sie nichts mehr tun konnte, als ihnen Mohnsaft zu geben, damit sie die Schmerzen nicht mehr so sehr spürten. Dennoch kniete sie zwischen den Lagern nieder und legte ihre Hände über Lucais Gesicht. Seine blinden Augen starrten blicklos zu ihr auf. Iendra schluckte hart. Was einmal seine Lippen gewesen waren, bewegte sich, formte immer wieder ein Wort: Verrat.

 

Erwählte des Zwielichts 76

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

„Wir haben unterirdische Gänge gefunden. Unterirdische Hallen, hier unter der Stadt. Dort lagerten Dunkelelfen. Als wir uns noch fragten, was sie dort trieben und wie bei allen Göttern sie da hingekommen waren, stellten sie uns auch schon zur Rede. Sie nannten uns Spione und griffen uns an. Malika kannte einen von denen – er war anscheinend nur ein kleines Licht bei der Truppe, ein Wagenlenker. Aber wer wusste, dass Malika Javarons Sachen durchsucht hat. Er arbeitete für Tayara. Er hat Malika verraten – und damit auch dich.“

„Scheiße“, entfuhr es Iendra.

Liandras nickte. Vorsichtig schob er die Arme unter Malikas Körper. „Dirian und Nidhan sind tot“, sagte er leise, „wir konnten gerade noch so wegkommen. Malika erwähnte Iloyons Namen, bevor sie ohnmächtig wurde. Ich denke, sie will desertieren.“

„Nicht die dümmste aller Ideen“, knurrte Iendra. Sie schob Trümmer und Sand über das Blut, das überall auf dem Boden schimmerte. „Ich habe Tayara heute Nacht belauscht. Sie, Varael und Durnin sprachen von ‚Verborgenen‘, die unter der Stadt warten. Und sie erwähnten den Namen Khadiss.“

„Davon stand etwas in den Aufzeichnungen.“ Liandras erhob sich, schwankte kurz, dann stand er fest. „Komm mit zum Haus. Wenn Tayara wirklich Khadiss angerufen hat, dann stecken wir tiefer im Mist, als wir bisher angenommen haben, aber das würde auch den Ausgang dieser Schlacht erklären, nach der Javaron starb. Sie hat einen Pakt mit einer Gottheit geschlossen, die sogar unseren Vorfahren zu finster war. Wenn sie uns unter dem Banner der Khadiss in die Schlacht führt, dann … dann können wir am Ende nur verlieren. Sie ist nicht Nacht, Iendra. Sie ist Finsternis. Sie will mehr als nur auf dem Schlachtfeld vergossenes Blut. Khadiss will Seelen. Wer mit ihr einen Pakt schließt, wird selbst zu Finsternis.“

Iendra nickte. „Aber was sollen wir tun? Wir können nicht einfach zu Lucai und Shinyenna rennen und es ihnen erzählen, wie kleine Kinder, denen andere kleine Kinder die Puppen weggenommen haben.“

„Nein.“ Liandras holte tief Luft. „Wir gehen weg. Wir tun, was Malika will. Wir gehen und suchen Iloyon und schließen uns ihm an.“

„Das ist desertieren!“

„Ich weiß.“ Liandras bog in eine Seitengasse, um einer Kundschaftergruppe auszuweichen. Auf Umwegen führte er Iendra zu dem weißen Haus, in dem noch immer ihre Ausrüstung lag. Malika hatte inzwischen das Bewusstsein wieder vollständig verloren. Reglos hing sie in Liandras‘ Armen. Iendra huschte an ihm vorbei und öffnete die Tür zum Unterschlupf, spähte in das dunkle Zimmer, dann betrat sie es. Liandras folgte ihr, und sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. „Wirklich, Liandras? Weggehen? Einfach so? Und dass, nachdem du dich noch da draußen gegen Iloyon entschieden hast?“

Liandras ließ Malika auf eines ihrer Schlaflager sinken und deckte sie zu. „Als wir draußen waren, war noch alles anders.“ Er nahm Malikas Hand in seine und hauchte einen Kuss auf ihre schlaffen Finger. „Damals sah ich in Iloyon nur einen kriegsmüden Kommandanten, der andere Kriegsmüde um sich geschart hatte und einem Traum nachjagte. Dann sah ich einen Mann, der für fremde Götter bereit war, alles aufzugeben, was sein Leben bisher ausgemacht hatte. Das kam mir vor wie Verrat. Und jetzt muss ich dabei zusehen, wie auch unsere eigenen Heerführer unser Volk verraten. Wir sind dunkel. Wir dienen dennoch nicht den Dämonen der Finsternis.“

Iendra kniete sich neben ihn und tastete nach Malikas Pulsschlag. „Sie ist in keinem Zustand, in dem wir sie mitnehmen können“, sagte sie, und Liandras hob eine Braue. „Wir? Du kommst mit?“

Kam sie mit? Iendra schluckte das Würgen in ihrer Kehle mühsam hinunter. Sie wollte nicht an Tirac denken und an das, was ihn getötet hatte. An das, was Tayara beschwor, wenn sie Khadiss anrief. „Ich kann Tayara nicht mehr dienen“, sagte sie leise. „Ebensowenig Durnin und Varael. Shinyenna und Lucai …“ Sie zuckte mit den Achseln. „Wir können mit ihnen reden, aber werden sie uns zu –„ Sie hielt inne, als von draußen Schreie erklangen. „Was zum …?“

Liandras wollte sich erheben. „Ich gehe nachsehen.“

„Nein, du bleibst. Wenn Tayara da draußen ist und schon weiß, was in den unterirdischen Gängen passiert ist, bist du so gut wie tot. Wenn eine Heilerin da auftaucht, wo Alarmrufe erklingen, wird sich keiner etwas denken. Bereite alles vor. Ich will mit euch gehen, aber wenn ich es doch nicht kann, dann will ich euch wenigstens den Rücken freihalten. Ich komme wieder.“

„Iendra, sei vorsichtig!“

„Ich versuche es!“ Sie lächelte mit mehr Zuversicht, als sie in sich spürte, und verließ das Haus.

Der November wirft seine Schatten voraus…

yenyaab-avatar… und mit ihm der NaNoWriMo, dieser jährlich um sich greifende Schreibwahnsinn, der Hobbyautoren, Semiprofessionelle und Vollberufliche gleichermaßen infiziert und erwischt.

Worum es geht?

Schreibe einen Roman von mindestens 50.000 Wörtern Länge in 30 Tagen.

In diesem Jahr gehe ich zum neunten Mal an den Start. Bisher habe ich es jedes Mal geschafft, die 50.000 zu knacken – aber noch nie, den Roman wirklich zu beenden. Dieses Jahr ist es mein großes, unerreichbar erscheinendes Ziel, den November-Schreibwahnsinn mit dem Wort “Ende” abzuschließen, um nicht noch eine halbe Romanleiche in der Schublade liegen zu haben.

Diesmal entführe ich meine Schnipselmitleser in eine mysteriöse Dschungelwelt und eine vor Leben, Kriminalität und nicht ganz so erlaubten Pflanzen pulsierende Großstadt, in der die elfenhaften, paranormal begabten Inayri Seite an Seite mit nicht ganz so paranormal begabten Menschen leben.

Und da ich ohne Plotten und Planen nicht in den November gehe, der brotjobtechnisch und freizeitstressmäßig leider recht arbeitsintensiv werden wird, gibt es auch schon einen Cast und einen … TA-Daaa! … Klappentext.
Um Licht in ein düsteres Familiengeheimnis zu bringen, verlässt der empathisch begabte Inayri Sanyiou (siehe Beitragsbild und Motivations-Cover) seine Heimat in den tiefen Wäldern von Abinia und zieht nach Cintra, der großen Handelsmetropole der Menschen Abinias, in der alle Fäden des Reiches zusammenlaufen. Nicht wissend, dass das Yenyaabkraut, das er bei sich trägt, um sich auf Reisen zu stärken, dort als gefährliches Rauschmittel gilt und verboten ist, gerät er prompt in Schwierigkeiten, in denen ihm der junge Arzt Revan wie ein Rettungsanker erscheint. Zum Dank für die Hilfe schließt sich Sanyiou Revan an, um ihm mit seinen empathischen Fähigkeiten in seiner Heiler-Praxis zu helfen. Doch da ist immer noch dieses dunkle Geheimnis, zu dessen Aufklärung Sanyiou ebenfalls seine Gaben nutzen muss. Als Sanyiou an der tödlichen „Gabenkrankheit“ erkrankt, eröffnet Revan ihm, dass er auf der Suche nach einem Heilmittel dagegen ist – und dazu das Yenyaabkraut benötigt. Und bald schon muss Sanyiou erkennen, dass Yenyaab nicht nur der Schlüssel zu seiner Heilung ist, sondern auch zu dem Geheimnis, das seine Familie so sorgsam hütet. Und dass er sich in Revan verliebt, macht die ganze Sache auch nicht einfacher.

Und es gibt sogar schon ein Motivations-Cover, erstellt aus Shutterstock-Bildern von der wunderbaren Sylvia Ludwig von Cover für Dich:
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Erwählte des Zwielichts 75

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) „Lauf!“ hörte sie Liandras brüllen, der versuchte, sich zwei der fremden Krieger vom Hals zu halten. Auch Dirian kämpfte gegen zwei, und in das Lager unten kam Bewegung, die anderen hatten offensichtlich den Tumult gehört, den der Kampf verursachte. Trotzdem zögerte sie.
Was hätte Iloyon jetzt getan?
Malika rannte los, zerrte den Dolch aus dem Auge des toten Verräters und sprang mit einem lauten Schrei einen der Männer an, die Liandras bedrängten. Der Soldat strauchelte, fiel und stürzte in Liandras‘ Schwert. Gleichzeitig schrie Dirian auf. Für einen Moment war Liandras frei – und er packte Malikas Hand und rannte.
„Nein! Dirian …!“ Malika konnte nicht zurückblicken, zu sehr war sie damit beschäftigt, zu laufen und sich unter den Wurfsternen wegzuducken, die ihre Gegner ihnen im Lauf nachschickten.
„Er ist tot! Lauf, Mal, LAUF!“ Continue Reading →