Erwählte des Zwielichts 97

Wegsuchers Hand bebte in seiner. „Das ist … ich kann das nicht, ich …“

„Du kannst“, raunte Nebelstreif und verschloss seine Lippen mit einem Kuss. Flammenstern seufzte wohlig auf, als er Wegsucher kapitulieren sah und Nebelstreif mit einem Aufstöhnen an sich zog. Leise lachend rückte er näher. „Wie gut, dass ich zwei Hände habe“, murmelte er und ließ eine die Zeichen auf Nebelstreifs Rücken nachziehen, die andere glitt Wegsuchers schlanke Gestalt entlang, fand die Zeichen auf seinen Armen und Beinen. Seine Hände trafen sich auf Nebelstreifs Haut mit Wegsuchers, umschlangen einander, und dann trieben sie sich gegenseitig in ein Feuer, von dem Flammenstern hoffte, dass es Wegsuchers Bedenken und seine Zurückhaltung endgültig zu Asche verbrannte.

 

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Erwählte des Zwielichts 96

III

Flammenstern streckte sich auf seinen Fellen aus und seufzte, zufrieden, als sich Nebelstreif neben ihm niederließ und begann, ihn aus seinem Hemd zu schälen.

„Ich bin so froh, dass sie da sind“, sagte er, „auch wenn es mich unendlich traurig macht, dass wir Dirian und Nidhan verloren haben. Die alte Truppe ist wieder beisammen. In der kommenden Nacht werden wir für Dirian und Nidhan singen, auch wenn sie den Weg zur Sternengekrönten und zum Nachtschatten nicht gefunden haben. Ich bin mir sicher, sie wären mit den anderen gekommen, wenn sie noch am Leben gewesen wären.“

„Ganz sicher. Ich bin auch froh, dass sie da sind, sie haben mir genauso gefehlt wie dir. Und sie haben uns die Nachtschleicher gebracht.“ Nebelstreif kuschelte sich in Flammensterns Arme. „Sie sind so wunderschön. Und ich fühle, dass sie mit uns verbunden sind. Dass sie zu uns gehören.“

Flammenstern nickte. „Die Nachtschleicher werden kommen, wenn wir sie brauchen, wie Sternenkatze s gesagt hat. Aber wir werden sie auch jagen, ihr Fleisch essen und auf ihren Fellen ruhen und uns Kleidung daraus machen.“ Er streckte seine Hand aus. „Wegsucher, du bist zu weit weg, komm her.“

Wegsucher lachte leise, kroch näher, legte sich aber nicht hin, sondern blieb neben Flammenstern sitzen, die Arme um die Knie geschlungen und das Kinn daraufgestützt. Continue Reading →

Erwählte des Zwielichts 95

Tatsächlich wurden sie mit lautem Jubel empfangen, als sie auf die Lichtung zwischen den Silberbäumen zurückkamen. Flammenstern und die anderen hatten sich am Wachfeuer versammelt, jetzt kam Flammenstern ihnen entgegen und umarmte sie einen nach dem anderen. „Jetzt seid ihr wirklich angekommen“, sagte er, und Erleichterung schwang in seiner Stimme mit. „Ich freue mich. Auch wenn über uns dunkle Wolken die Sterne verschleiern.“

„Die Sterne sind trotzdem da“, sagte Sternenkatze. „Wir sind Sternenkatze, Schattenlicht und Sturmklinge. Flammenstern, die Göttin hat mich … sie hat mich erwählt, ihre Priesterin zu sein.“

„Wir haben eine Priesterin!“ Nebelstreif klatschte in die Hände, auch die anderen ließen freudiges Gemurmel hören – nur Wegsucher hob eine Braue und verzog das Gesicht. „Sind wir nicht alle Kinder der Götter?“ warf er ein, „Wozu brauchen wir dann eine Priesterin?“

Nebelstreif knuffte ihn in die Seite. Sternauge sah ihn ernst an. „Sind wir nicht alle Kinder der Götter und kennen ihren Willen? Warum haben sie mich dann zur Seherin gemacht? Und können wir nicht alle mit Sternenfeuer heilen? Und doch sind Nebelstreif und Weitherz noch immer Heilerinnen. Und haben wir nicht mit dem Sternenfeuer alle eine Waffe in die Hand bekommen und können kämpfen? Dennoch haben wir immer noch die, die Krieger sein wollen und die, die sich den friedlicheren Aufgaben widmen. Und haben wir nicht alle die Magie der Sterne mit ihrem Feuer getrunken? Und doch ist Schattensang noch immer mehr Magier als wir alle“ Continue Reading →

Erwählte des Zwielichts 94

Die Stimme klang in Malikas Gedanken, und dann, dann konnte sie sie sehen – die Nithyarafrau mit der Krone aus Abertausenden von Sternen, die Frau mit den schwarzen Augen voller Licht, die jetzt dort saß, wo eben noch Nebelstreif gewesen war. Hinter ihr erhob sich die Gestalt eines Mannes mit nachtschwarzem Haar, in dem Funken tanzten, Malika ertrank fast in seinen Augen, die schwarz waren wie der Nachthimmel und mit Wirbeln von Sternen angefüllt.

„Göttin …“, flüsterte sie, „Nachtschatten …“ Sie streckte die Hand aus, und die Göttin nahm sie. Heiß war ihre Berührung und kalt.

„Sei willkommen, Malika. Du bist durch das Feuer gegangen. Jetzt bist auch du ein Kind der Sterne. Wähle einen Namen.“

Einen Namen? Malikas Geist griff nach den ersten Worten, die ihr in den Kopf schossen. „Schattenlicht“, brachte sie hervor, und spürte, dass es richtig war. „Ich bin Schattenlicht.“

Die Göttin nickte. „Du wirst einen weiteren Namen in dir finden, aber der ist nur für dich.“ Sie berührte Malikas Stirn, dann ihre Brust, wo rasend ihr Herz schlug. Der zweite Name, der, der nur für sie bestimmt war, brannte sich in ihre Gedanken. Malika lächelte. Sie fühlte sich ganz. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich ganz.

Noch einmal streifte die Hand der Göttin sie, dann berührte auch der Nachtschatten einmal sacht ihre Stirn, und für einen Moment lang umgab Malika, die jetzt Schattenlicht war, nichts als unendliche, sternendurchdrungene Dunkelheit.

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Erwählte des Zwielichts 93

Flammensterns Nithyara bildeten einen Kreis um den Steintisch. Nebelstreif ergriff Malikas Hand, Liandras legte seine Hand in Flammensterns, und Iendra ging Seite an Seite mit Weitherz. Als sie an den Tisch traten, bemerkte Malika weitere Schatten, die aus dem Wald auf die Lichtung huschten. Vierbeinige Schatten mit dunklem Fell, einige von ihnen mit gewundenen Hörnern auf den mächtigen Schädeln.

„Die Nachtschleicher“, raunte Flammenstern, „sie sind wiedergekommen.“

„Sie wollen zusehen“, sagte Iendra leise. „Du hast es richtig erkannt, Flammenstern. Sie gehören zu euch. Und bald auch zu uns.“ Sie sah den Steintisch an und streckte fast sehnsüchtig eine Hand danach aus.

Am Steintisch stellten sich Flammenstern, Nebelstreif und Weitherz vor Malika und ihre Gefährten. Wie eine Stimme sprachen sie und stellten eine Frage: „Wollt ihr weitergehen durch das Sternenfeuer, ablegen was war, und neu geboren werden aus Flammen, Schmerz und Verlangen?“

„Ich habe nie etwas mehr gewollt“, sagte Iendra.

Malika fasste Liandras‘ Hand und nickte ihm zu. „Wir wollen es auch“, sagten sie gemeinsam.

Flammenstern neigte den Kopf. „Dann seid willkommen im Hain der Götter und nehmt ihre Gabe durch unsere Hände. Legt eure Kleider ab.“ Continue Reading →