Erwählte des Zwielichts 100

Sein Blick schweifte über das Dorf. Die meisten schienen noch zu schlafen, nur Sternenkatze und Weitherz saßen am Wachfeuer, nah beieinander, sie hielten sich an den Händen, und Sternenkatze hatte den Kopf an Weitherz‘ Schulter gelehnt. So wirkten so friedlich. So entspannt. So wie zwei, die ineinander gefunden, was sich schon ihr Leben lang gesucht hatten. Wegsucher fühlte Neid in sich aufsteigen. Neid auf diese beiden Frauen, zwischen denen von einer Nacht zur anderen Liebe gewachsen zu sein schien. Neid auf Flammenstern, dem Nebelstreif schon immer gehört hatte. Und Wut auf seine eigene Dummheit.

Warum habe ich geschwiegen? Warum habe ich ihr nie etwas gesagt, ich Narr?

Er kannte die Antwort. Damals war sie ihm so klar erschienen: Weil es sein Blutsbruder war, der die Frau liebte, die er selbst heimlich begehrte. Damals hatte er Begehren und eigene Liebe beiseitegeschoben, um Nebelstreif und Flammenstern glücklich zu sehen. Damals war ihm das leichtgefallen. Warum jetzt nicht mehr? Bei jedem Gedanken an Nebelstreif flammte sein Begehren auf wie Sternenfeuer. Er wollte sie wieder spüren, er wollte sie wieder haben – aber allein. Ohne, dass Flammenstern dabei war.

„Verdammt. Da hilft wohl nur noch ein kaltes Bad …“ Wegsucher kletterte von der Plattform hinunter und ging zum Bach. Ein Bad würde es nicht werden, so wenig Wasser, wie er führte. Es musste reichen, sich das kalte Nass über den Kopf zu gießen, und im schlimmsten Fall auch über die Hosen. Continue Reading →

ERwählte des Zwielichts 99

IV

Als Wegsucher die Augen öffnete, konnte er sich im ersten Moment kaum erinnern, was den Tag über geschehen war. Er lag zwischen Flammenstern und Nebelstreif, und noch immer brannten seine Zeichen in einem Echo des Feuers, das sie miteinander geteilt hatten. Keiner von ihnen trug mehr seine Maske, und keiner mehr Kleider. Nebelstreifs und Flammensterns Hände lagen über Wegsucher, ineinander verschränkt, und seine Hände ruhten auf ihren. Wegsucher wandte den Kopf und blickte in Flammensterns Gesicht. Im Schlaf sah er so friedlich aus, so entspannt. Die tiefen Furchen, die der Krieg und die Sorge um seine Freunde in sein Gesicht gegraben hatten, wirkten nun weniger tief, und auf seinen Lippen lag dieses Lächeln, das Wegsucher schon so gemocht hatte, als Flammenstern noch Iloyon und er selbst noch Amayas gewesen war. Er konnte sich nicht erinnern, jemals mehr als Freundschaft für Iloyon empfunden zu haben. Tief genug, um sein Blutsbruder sein zu wollen, aber sein Lager teilen? Wegsucher schmunzelte. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, mit einem Mann zu schlafen, und schon gar nicht mit dessen Gefährtin. Langsam drehte Wegsucher den Kopf zur anderen Seite, und sein Blick fiel auf Nebelstreif. Continue Reading →