Die Zwielichtigen verabschieden sich

Liebe LeserInnen,

manchmal kommt es erstens anders und zweitens als man denkt.

Die „Zwielichter“ waren nie als Mammutprojekt geplant. Inzwischen haben sie sich unter anderem dadurch, dass ich den Anspruch an mich hatte, euch jede Woche mit einem neuen Schnipsel zu versorgen, zu einem Riesenballon aufgebläht. Schreibenderweise habe ich mich von Sonntag zu Sonntag gehangelt, und mir ohne es zu merken eine Falle gestellt.
Heute bin ich mit Volldampf reingetreten. Ich habe mir einen dicken Plotknoten fabriziert und komme nicht wieder heraus – es sei denn, ich gönne mir eine Pause und der Geschichte die Zeit zum Wachsen, die sie braucht. Daher mache ich es kurz und schmerzlos: die Zwielichter melden sich auf unbestimmte Zeit ab.

Vielen Dank allen, die sie bis hierher begleitet haben.
Natürlich existiert in meinem Kopf das Ende der Geschichte. Ich weiß nur aktuell vor lauter Plotknoten nicht, wie ich dort hinkommen soll, ohne noch mal über hundert verschwurbelte Seiten zu produzieren. Trotzdem möchte ich euch nicht in der Luft hängen lassen. Wer wissen will, die die Geschichte der Zwielichtigen endet, dem schicke ich gern eine Zusammenfassung zu.

Und nun: Tschüß, Zwielicht, willkommen ….?
Lasst euch überraschen, wenn es demnächst in diesem Theater wieder heißt: Schnipselzeit!

Erwählte des Zwielichts 114

Auch Nebelstreifs Augen weiteten sich. „Ich habe genau das versucht, als ich allein war … aber es wollte nicht kommen. Jetzt …“ Auch sie hob ihre Hand, und auch auf ihren Fingen zeigten sich plötzlich die ersehnten Flämmchen. „Vielleicht können wir uns den Weg freibrennen …“

„Versuchen wir es.“ Wegsucher richtete den Blick auf die Stelle, an der sich der Durchgang zu Nebelstreifs Zelle geöffnet hatte, und ließ einen Sternenfeuerstrahl darauf zuschießen. Die Flamme prallte auf die Wand – und zerfaserte in winzige Funken, die sofort verloschen. Wegsucher keuchte auf. Es hatte ihn angestrengt, diesen Flammenstrahl zu rufen, mehr als jemals zuvor. „Dumme Idee, versuch du es nicht … es ist anstrengend …“ Er schnappte nach Luft. „Mehr als eine kleine Flamme, um uns warm zu halten, scheinen sie uns nicht gestatten zu wollen …“

„Aber immerhin das.“ Nebelstreif lehnte sich wieder an ihn. „Halt mich fest“, flüsterte sie. „Ich habe das Gefühl, mir wird immer kälter.“

Wegsucher nickte nur und schloss sie in seine Arme, strich ihr mit den sternenfeuerflammenden Fingern durchs Haar. Funken tanzten in den seidigen Strähnen. Er hätte so gern mehr getan.

Nebelstreif zitterte in seinen Armen. „Wir müssen nicht frieren“, raunte sie, „du weißt, was wir tun können, um nicht mehr zu frieren.“

„Sie beobachten uns“, erinnerte Wegsucher sie. Das Feuer mit ihr teilen, während Tayara und ihre Handlanger zusahen? Wieder erschauerte er. Als er mit nebelstreif und Flammenstern zusammengewesen war, hatten ihn Flammensterns Blicke doch auch nicht gestört. Im Gegenteil. Es hatte ihn erregt, zu wissen, dass sein Blutsbruder zugesehen hatte, während er Nebelstreifs Zeichen nachgezogen und gefühlt hatte, wie sie unter seinen Händen immer mehr in Flammen geriet. Es wäre so einfach. Feuer rufen, Feuer teilen, Kraft und Wärme wiederfinden. Tayara und ihrer Nachtgöttin trotzen … Continue Reading →

Erwählte des Zwielichts 113

Ein schabendes Geräusch durchdrang die Höhle, ein Felsblock versank im Boden, und ein schmaler Durchgang tat sich wie von Zauberhand auf. Dahinter lag eine weitere Höhle, ebenso von diffusem Licht erfüllt wie Wegsuchers eigenes Gefängnis – und da stand Nebelstreif. Sie lachte und weinte zugleich, als sie loslief. Wegsucher trat ihr entgegen, schloss sie in die Arme und drückte sie an sich. „Ich bin hier, alles wird gut.“ Wie auch immer alles gut werden sollte – aber er würde dafür sorgen, dass Nebelstreif und er hier wieder herauskamen!

„Wegsucher … ich kann nicht zu den anderen senden … ich kann sie nicht hören, ich kann Flammenstern nicht spüren!“

„Shht. Beruhige dich. Ich auch nicht. Aber horche in dich hinein, Theanna. Er ist dein Ta’nesha und mein Blutsbruder. Ich bin mir sicher, dass er lebt – also solltest du dir noch einmal mehr sicher sein!“

Sie nickte. „Ja … ja, ich bin mir sicher, dass er lebt, aber ihn nicht spüren zu können … gar nicht … ich war noch nie so allein in meinem Leben. Wenigstens du bist da!“ Sie drückte sich noch enger an ihn.

Wenigstens … Das Wort grub Klauen in Wegsuchers Herz. „Wenigstens?“ raunte er und strich durch Nebelstreifs Haar. „Ich liebe dich, Theanna, das weißt du. Ich liebe dich. Schon so lange. Warum tust du mir weh?“

„Ach, Wegsucher! Du weißt doch, wie ich es meine. Und du weißt auch, dass ich deine Liebe erwiedere. Ich liebe dich, wie ich Flammenstern liebe.“ Sie hob den Kopf, sah zu Wegsucher auf, und dann drückte sie ihre Lippen auf seine. //Ich liebe dich//, wiederholte sie wortlos, und er verstand, wie ernst es ihr war. Sie konnte nicht lügen, wenn sie die Gedankensprache benutzte. //Warum glaubst du mir nicht?// Continue Reading →

Erwählte des Zwielichts 112

Sie nahmen Abschied von den toten Nachtschleichern. Ihre Reitkatzen begleiteten sie, doch die anderen blieben zurück, kauerten sich zu ihren gefallenen Rudelmitgliedern und stimmten einen wilden Trauergesang an, der Flammenstern die Haare zu Berge stehen ließ. Er wusste, die Katzen würden wiederkommen, wenn sie für die Toten gesungen hatten. So, wie auch die Nityhara für ihre Toten singen würden. Er hoffte, dass im Dorf niemand war, für den sie würden singen müssen.

 

VII

Wegsucher glaubte, in zähem Sirup zu liegen, der seinen Mund mit ekelhafter Süße füllte. Sie roch nach Lilien und schmeckte nach Tod. Er wollte die Augen öffnen, aber seine Lider waren wie zugeklebt. Fast schon ein Wunder, dass er überhaupt in der Lage war zu atmen. Er fühlte sich, als hätte Tayaras gesamte Truppe ihre Stiefel auf seinem Rücken abgetreten. Kälte kroch aus dem harten Boden, auf dem er lag, in seinen Körper. Unter seinen Händen fühlte er die schartige Kühle feuchter Felsen.
//Flammenstern? Nebelstreif? Hört ihr mich? Hört mich … irgendjemand?// Sogar das Senden war anstrengend. Wegsucher konnte seine Gedanken nicht lenken, immer wieder entschlüpften sie ihm, wenn er versuchte, sie zu sammeln und denen zu schicken, um deren Leben er am meisten fürchtete. Tief in sich konnte er das Blutband zu Flammenstern spüren, doch es war nur noch ein dumpfes Echo des Gefühls von Zusammengehörigkeit, das er kannte. So, als sei Flammenstern viel zu weit weg. Sein Blutsbruder lebte – aber er würde ihn nicht mit der Kraft seiner Gedanken erreichen können. Wegsucher schauderte. Ihm wurde bewusst, dass er allein war, und ziemlich sicher gefangen, und er wusste nicht, was mehr an der Kälte schuld war, die in seinem Inneren stachelige Eiszapfen wachsen ließ. Als er noch Amayas gewesen war, hatte es ihm nichts ausgemacht, allein zu sein. Doch Wegsucher sehnte sich nach seinen Clangeschwistern. Er zwang sich, die Augen zu öffnen. Continue Reading →

Erwählte des Zwielichts 111

„Flammenstern, den Göttern sei Dank!“ Sternauge lief ihm entgegen und nahm seine Hände, ihr folgten Schattensang, Lehmformer und das restliche Nachtschleicherrudel.

Flammenstern zog Sternauge an sich, aber er war alles andere als beruhigt. „Wo sind Wegsucher und Nebelstreif?“ Zwei der toten Schleicher waren ihre Tiere gewesen. „Sucht sie“, befahl er mit flacher Stimme, „findet sie. Sie können doch nicht einfach weg sein.“

Konnten sie nicht?

Sternauge senkte ihren verwirrenden Blick in Flammensterns. „Flammenstern … etwas ist geschehen. Ich habe es gesehen, als ich doch blind war in diesem Zauber, blind und taub …“

„Wie wir alle“, warf Lehmformer ein „es war entsetzlich. Ich konnte euch nicht spüren, nicht hören …“

Schattensang nickte. „Ging mir genauso … ich habe versucht, den Zauber zu brechen, aber …“

Flammenstern schüttelte den Kopf. In seinem Inneren nistete noch immer ein Echo der Kälte, die er unter dem Zauber gespürt hatte. Er sendete behutsam seine Gedanken aus, tastete nach dem Seelenband, dem Blutsbruderband. Seltsam dumpf hallte das Echo der Verbindungen in seiner Seele. Noch immer antworteten Nebelstreif und Wegsucher nicht auf sein Senden, aber er wusste tief in sich, dass sie lebten. Ihr Tod würde sich anders anfühlen. „Sternauge, was hast du gesehen?“

„Dieser Überfall … Tayara wollte uns nicht töten. Sie wollte nur … uns.“ Ihr Blick schweifte über die Lichtung. Keine Spur von Nebelstreif und Wegsucher.

Flammenstern begriff. „Sie haben Wegsucher und Nebelstreif entführt …“ Das Eis in Flammenstern bekam Stacheln. „Sie wollen etwas gegen uns in der Hand haben, etwas, womit sie uns … mich … erpressen können. Sie haben die mitgenommen, die mir in meinem Leben am meisten bedeuten. Dass Iloyon Cianthara liebte, war kein Geheimnis im Heer, auch nicht, dass Amayas und Iloyon das Blutsbruderband teilen. Tayara muss zu Recht davon ausgehen, dass sich daran nichts geändert hat, auch wenn wir uns verändert haben.“ Flammenstern rang mit sich. Was tun? Gehen? Bleiben? Suchen? Er bezweifelte, dass er Nebelstreif und Wegsucher finden würde, wenn sie wie aufgescheuchte Kaninchen in den Wald rannten. Auch wenn es ihm das Herz zerriss, er musste mit den anderen zum Dorf zurück. Denn Tayara würde die Entführten nicht töten. Sie würde sie als Druckmittel benutzen. Und wenn er wusste, wo sie mit ihnen steckte, dann würden die Nityhara zuschlagen und Tayara und ihre Khadissanbeter mit Sternenfeuer empfangen.  Continue Reading →