Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 5

„Also gut. Ziehen wir los. Wenn wir gut durchkommen, müssten wir in spätestens fünf Tagen am Pass sein. Wir sehen uns dort. Alle.“
Wieder ein Nicken. Amayas trat noch einmal auf Iloyon zu und umarmte ihn fest, dann umarmte er auch Cianthara. „Passt auf euch auf, ihr zwei. Und auf die anderen.“ Seine Stimme klang seltsam gepresst.
„Werden wir. Pass du auf deine Leute auf und bring sie mir alle heil zurück. Wir sehen uns in fünf Tagen am Pass! Möge die Dunkelheit euch schützen.“ Iloyon erwiderte Amayas‘ Umarmung, dann ließ er ihn los.
„Der schützende Mantel der Nacht um euch.“ Amayas nickte ihn noch einmal zu, dann winkte er seiner Gruppe, und sie verschwanden im Unterholz. Nicht lange und noch nicht einmal mehr ihre Schatten waren zu sehen.
Iloyon nickte seiner Gruppe zu. „Also los. Sehen wir zu, dass wir als Erste am Pass sind, ich will Veannan so schnell wie möglich in einem Bett haben.“ Er nahm die Zügel des Pferdes und führte es auf den Waldpfad. Nach wenigen Schritten nahm er eine Abzweigung, um die Lichtkrieger mit einer zweiten Spur zu täuschen. Unterwegs konnten sie sich noch einmal trennen, falls es nötig war. Iloyon hoffte, dass es nicht so weit kommen würde. Er fasste die Zügel fester.
Cianthara schloss zu ihm auf, streifte seine Hand, dann huschte sie an ihm vorbei und übernahm die Vorhut. Liandras folgte ihr, während Malika ein wenig zurückfiel und ihre Rücken deckte. Dirian und Naeve blieben in der Mitte, sie waren noch immer geschwächt und würden Schutz brauchen, sollten sie angegriffen werden.
Doch alles schien ruhig. Vögel zwitscherten in den Bäumen, hin und wieder huschte ein kleines Tier durchs Unterholz. Der Wald wirkte so friedlich. Und doch. Iloyon wusste, dass jeder Baum hier schon Blut getrunken hatte und es nicht viel brauchte, um die Vögel zum Verstummen zu bringen. Angespannt lauschte er, um über den Geräuschen des Waldes das zu hören, wovor er Angst hatte. Hörner. Gesang. Hufschlag und das dumpfe Stampfen marschierender Füße. Das leise Klirren von Kettenhemden unter wattierten Waffenröcken. Das Knarren einer Bogensehne, das verräterische Sirren eines Pfeils. Iloyon konnte die Anspannung seiner Leute beinahe greifen. Sie gingen so leise wie möglich, geschmeidig glitten sie durchs Unterholz.
Die schweren Tritte des Pferdes und das Scharren der Trage kamen Iloyon unnatürlich laut vor. Er winkte Tyuran zu sich heran. „Kannst du was tun, damit dieses Pferd ein bisschen leiser ist? Wenigstens, solange wir noch so nah bei den Lichtheeren sind?“
Der junge Magier grinste breit, seine dunkelblauen Augen funkelten. Iloyon war immer wieder fasziniert, wenn er diese Augen sah. Blau. Nur wenige Dunkelelfen hatten blaue Augen. Die meisten Blauäugigen waren magisch begabt, doch bei Tyuran von einer Gabe zu sprechen, war untertrieben. Der junge Magier war außergewöhnlich talentiert. Die Gilde hatte lange gezögert, doch schließlich hatten sie ihn trotz seiner Jugend zum Heer gehen lassen. Er hatte sich den Kundschaftern bei Iloyon angeschlossen und in der Gruppe sofort alle für sich eingenommen, bescheiden und hilfsbereit wie er war. Das war es, was Iloyon an dem Jungen so schätzte. Er bildete sich nichts ein auf das, was er konnte. Er tat es einfach. Weil er helfen wollte. Jetzt nickte er, trat auf das Pferd und die Trage zu und vollführte eine rasche Geste über dem Gespann. Für einen Moment flirrte die Luft, auf Tyurans Gesicht glitzerten Schweißtropfen. Aber die Schritte des Pferdes wurden leichter, das Scharren der Trage leiser, die Spur, die das Gespann hinterließ, war kaum noch zu sehen.
„Danke.“
Tyuran salutierte. „Dafür bin ich hier, Heerführer.“ Er huschte zurück in die Reihen.
Ja. Und ich wünschte, du wärst ganz weit weg. Zusammen mit Cianthara und Amayas, mit Veannan, Malika … mit all meinen Leuten. Weit weg. An einem Ort ohne Krieg.
Während sie schweigend durchs Unterholz schlichen, kamen Iloyon die alten Fragen wieder in den Sinn. Fragen, die er sich schon so lange stellte, von denen er nicht wusste, wie sie den Weg in seinen Kopf gefunden hatten. Aber sie waren da und hatten sich festgesetzt wie eine Zecke im Fell eines Hundes.
Gibt es auf der anderen Seite auch jemanden, der so denkt, wie ich? Wie Cianthara? Wie Rhian? Und wenn? Warum können wir das Kämpfen nicht einfach sein lassen? Warum können wir nicht mehr aufhören? Wie viele von ihnen wollen das noch? Das ist kein Kampf mehr. Da ist keine Ehre mehr. Wir schlachten uns gegenseitig ab wie Vieh …
„Pfeil!“

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