Erwählte des Zwielichts 51

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)Am nächsten Abend zogen sie weiter, immer den Singenden Felsen entgegen. Sie passierten den Ort, an dem sich Naeve und Veannan in den Büschen versteckt hatten, sie kamen dort vorbei, wo Naeve auf sie gestoßen war, um sie zur Hilfe zu holen. Ob Naeve inzwischen auch ihren Namen geändert hatte? Veannan. Sirisa, Amon, Luath, Amayas, Rhian. Cianthara. Iloyon. Malika flüsterte die die Namen in den Wind, und bei jedem Namen riss sie ein Blütenblatt von einer Sternblume ab, die sie im Vorbeigehen gepflückt hatte. So nahm ihr Volk Abschied von seinen Gefallenen. So nahmen sie Abschied von den Verstorbenen ihres Volkes. Malika warf den Rest der kleinen bläulichweißen Blüte weg, nachdem sie den letzten Namen geflüstert hatte. Sie hatte in den letzten Jahren zu viele Sternblumen-Blütenblätter durch die Luft fliegen und zu viele tote Körper zu Asche verbrennen sehen. Tot war tot, so sagten sie, und nur in der Erinnerung lebten die Verstorbenen weiter. Es war entschieden leichter, einen Toten in der Erinnerung zu tragen, dessen Körper bereits zu Asche geworden war, als einen, der irgendwo weit fort in den Tiefen der Wälder weiterlebte. Wohin Iloyon die anderen wohl gebracht hatte?
Hoffentlich irgendwo hin, wo noch nicht einmal unsere Spione sie finden. Ich will nicht, dass sie gefunden werden. Sollen sie mit ihrem neuen Leben tun, was sie wollen, aber leben sollen sie es. Verdammt. Hätte er sich doch nur nie mit diesen Göttern eingelassen. Continue Reading →

Erwählte des Zwielichts 50

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)Zweiter Teil: Kinder der Nacht

I

Mit jedem Schritt, den sie sich weiter von Iloyons Lager entfernte, fühlte Malika sich elender. Ihr war, als hätte sie sich einen Arm abgehackt. In ihr war nichts als tiefe Leere.
Mit verkniffenem Gesicht marschierte Liandras neben ihr, Dirian und Nidhan folgten ihnen in einigem Abstand. Liandras schwieg verbissen. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie geglaubt, er hätte seine Zunge verschluckt. Ohne zu reden wanderten sie durch das Dickicht zurück zum Singenden Felsen. Bei dem Gedanken an ihre Leute draußen an der Küste wurde Malika schlecht. Die Lichtlinge waren zahlreich dort.
Aber die Dunkelelfen an der Küste waren ihr Heer. Wollte sie wirklich dahin zurück? Iloyons Vorschlag, all das hinter sich zu lassen, den Krieg zu vergessen, das hatte sich so gut angehört. Bis ihr Anführer die Sache mit dem neuen Leben für ihren Geschmack ein wenig zu wörtlich genommen hatte. Sie konnte ihn einfach nicht verstehen. Warum hatte sie sich darauf eingelassen? Warum hatten sie ihre Hände in die von wildfremden Göttern gelegt, von denen sie noch nicht einmal glaubte, dass sie überhaupt Götter waren? Was, wenn es Dämonen waren, vom Licht gerufen, um ihre Freunde zu verführen? Wer konnte schon ahnen, was für Folgen diese Veränderungen haben würden, denen sich Iloyon und Cianthara unterzogen hatten?
Verdammt. Sie war meine Freundin. Ich habe ihr immer vertraut. Wie konnte sie nur? Warum verraten die beiden uns so? Warum fallen sie uns in den Rücken? Wir wollten alle gemeinsam gehen. Ich wäre bei ihnen geblieben. Bei Iloyon und Cianthara. Aber nicht bei Nebelstreif und Flammenstern. Das ist doch kein Spiel! Wir sind keine Kinder mehr. Die Zeiten, in denen die Götter sich in die Belange der Völker einmischen, sind lange vorbei! Wir sind Dunkelelfen und wir werden Dunkelelfen bleiben, bis wir sterben. Wie konnten sie ihr Volk verraten?
„Ich kann das nicht …“ Continue Reading →

Nicht massentauglich: Schubladengeschichten gegen den Mainstream

typewriterIch gehöre normalerweise zu den Lesern, die Vor-und Nachwörter eher langweilig finden und überspringen. Aber das Nachwort von Patrick Rothfuss zu seiner Novelle „Die Musik der Stille“ (Originaltitel „The slow regard of silent things“) hat mich dort gepackt, wo jede Autorin und jeder Autor sich hin und wieder packen lässt: An den eigenen Zweifeln. Wer kennt das nicht, diese Fragen nach der Markttauglichkeit, nach der „Veröffentlichbarkeit“, nach dem „Liest das überhaupt jemand?“ „Interessiert das überhaupt jemanden außer mir?“ „Wer würde denn das lesen?“
In einem Gespräch mit seiner Freundin Vi Hart berichtet Patrick Rothfuss ihr von seinen Zweifeln an der Veröffentlichbarkeit von „Die Musik der Stille“. Spoilerfreie Erklärung: Die Novelle erzählt von einer nicht ganz unwichtigen Nebenfigur aus den Kingkiller Chronicles. Ich sage absichtlich „erzählt von ihr“, nicht „erzählt ihre Geschichte“, denn das tut sie nicht und sie lässt den neugierigen Leser am Ende mit mehr fragen zurück als am Anfang. Aber das liegt wohl auch in der Natur der Figur „Auri“ – Auri selbst ist und bleibt ein Myterium. Und ich finde das gut so. Aber ihr Erfinder Patrick Rothfuss hatte so seine Zweifel an einer Novelle über Auris Leben in der Unterwelt der Universität, an dieser leisen, ungewöhnlichen Geschichte, die selbst in den Augen ihres Autors keine Gesichte ist.

Patrick Rothfuss schreibt:
I shook my head, not even looking up at her. “Readers expect certain things. People are going to read this and be disappointed. It doesn’t do what a normal story is supposed to do.”
Then Vi said something I will always remember: “Fuck those people”, she said. “Those people have stories written for them all the time. What about people like me? Where’s the story for people like me?” […] “Let those other people have their normal stories”, Vi said, “This story is not for them. This is my story. This story is for peoplelike me.”
(Patrick Rothfuss, aus dem Nachwort zu Nachwort „The slow regard of silent things“)

Mir geht es wie Rothfuss: ich will nicht vergessen, was Vi Hart da zu ihm gesagt hat. Nicht jede Geschichte ist für jeden Leser. So unterschiedlich die Geschmäcker beim Essen sind, sind sie es auch beim Lesen. Es mag Schubladengeschichten geben, die wirklich nur für die Schublade geschrieben wurden. Aber wenn ich so darüber nachdenke, was für Schätze vielleicht noch in Autorenschubladen schlummern, weil sie nicht mainstream genug sind, nicht für die breite Masse, nicht für jeden, dann macht mich das traurig. Ich wünsche mir Chancen für diese Schubladengeschichten. Ich wünsche mir mutige Autoren, die Selfpublishing-Experimente wagen. Noch mehr mutige Kleinverlage, die sich wagen, die auf den ersten Blick nicht massentauglichen Kleinode zu veröffentlichen – und dann, wer weiß, vielleicht große Erfolge damit zu feiern und zu wachsen, zusammen mit ihren Autoren.

Habt ihr Schubladengeschichten? Warum, denkt ihr, sind sie nicht massentauglich oder unveröffentlichbar?
Ich bin gespannt auf eure Kommentare!