Tina liest: Eichherzchen (Bonsai Beasts 2) von Kaye Alden



Wandlergeschichten gibt es ja wie Sand am Meer, aber die aus der Feder von Kaye Alden sind herzerfrischend anders.
Auch bei ihr gibt es den einen Gefährten, der es sein muss, aber wer die Nase voll hat von Wolfswandlern und Alpha-Omega-Ranggefüge und trotzdem eine romantische Liebesgeschichte mit Wandlern haben möchte, der wird bei den Bonsai Beasts garantiert fündig.


Eichhörnchenwandler Cayden hat ein Problem – der perfekte Gefährte stolpert ihm als einsamer Jogger vor die Nase, und während er als kleines Eichhörnchen den verkaterten Lawrence vor einem wütenden Grizzly rettet (ich habe lange nicht so gelacht wie bei dieser Szene!), kann er gar nicht genug bekommen von Lawrences Duft. Gefährte, ganz klar. Blöd nur, dass Lawrence gerade alles will, nur keine feste Beziehung, denn sein Ex war nun wirklich nicht so ganz das Wahre.


Unterstützt von seinen besten Freunden Nick und Joshua aus Band 1 der Bonsai-Beasts versucht Cayden, langsam und behutsam den begehrten Gefährten für sich zu gewinnen – und das als ungeduldiges Eichhörnchen, das am liebsten gleich mit der Tür ins Haus fallen will.


Klar, dass bei diesen Grndvoraussetzungen Missverständnisse, Verwicklungen und Chaos zu erwarten sind.
Kaye Alden führt ihre Protagonisten durch eine sich sanft entwickelnde Romanze, die zuckersüß ist und immer spannend bleibt, weil man sich als Leser*in fragt, in welchen Fettnapf entweder Cayden oder Lawrence nun als nächstes tappen. Bis zum verdienten glücklichen Ende haben die beiden wirklich einiges auszustehen.


“Eichherzchen” ist eine süße, romantische gay-Liebesgeschichte mit etwas anderen Wandlern und gewürzt mit dem typischen Kaye-Alden-Humor. Wer es gern ein bisschen zuckrig mag und sich auf ein magisches Vancouver mit “Wandlern mal anders” einlassen will, kommt bei Kaye Aldens Bonsai-Beasts-Reihe voll auf ihre/seine Kosten.

Autor*innen-Interview: Sabrina Železný und die “Kondorkinder”

Tina: Liebe Sabrina, ganz herzlichen Dank dafür, dass Du heute auf meinem Blog zu Gast bist und mit mir über Deinen Roman „Kondorkinder“ plaudern möchtest, der in diesem Jahr in einer neuen, komplett überarbeiteten Fassung im Art Skript Phantastik-Verlag erschienen ist.
Der Roman spielt in Perú, und damit wollen wir beginnen.

Wie bist Du auf Perú gekommen? Beim Lesen der „Kondorkinder“ ist es zumindest mir ganz deutlich geworden, wie sehr Du dich diesem Land und seinen Menschen verbunden fühlst und dass Du es liebst. Also warum gerade Perú?

Sabrina: Im Grunde ist das schon die Antwort: weil ich Perú liebe. Ich habe im und nach dem Studium viel Zeit dort verbracht – Studieren, Reisen, Forschen –, es war schon lang vor meiner ersten Reise ein Land, das mich fasziniert hat und in dem ich mich dann auf Anhieb angekommen fühlte. Aber es ist mehr als ein abstrakter Sehnsuchtsort, es ist ein vielschichtiges, oft auch widersprüchliches und schmerzhaftes Land. Letztendlich kann ich rational aber nicht komplett erklären, warum mich gerade Perú so am Haken hat – es ist einfach so.

Tina: Wann bist Du auf die Idee zu den „Kondorkindern“ gekommen? Wann hast Du die erste Fassung des Romans geschrieben? Und wie kam es dann zu dieser Neuveröffentlichung, die, wie ich finde, ein ganz und gar wunderschönes Cover besitzt?

Sabrina: Wann die Idee kam, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Den Titel habe ich schon lang mit mir herumgetragen, und erste Ideenfetzen habe ich in dem Notizbuch wiedergefunden, das ich 2007 bei meinem Auslandssemester in Perú dabei hatte. Die Urfassung des Romans entstand dann in den Novembermonaten 2009 und 2010 (bis zur Erstveröffentlichung 2013 folgte aber noch einiges an Überarbeitung).

Die Neuveröffentlichung: Auf der Leipziger Buchmesse 2017 kam plötzlich Grit Richter von Art Skript Phantastik auf mich zu und fragte, was eigentlich aus den »Kondorkindern« geworden sei. Witzigerweise stellte sie diese Frage unmittelbar vor dem Gespräch, das meine Agentur und ich mit einem anderen Kleinverlag führen wollten. Ich hatte das Manuskript nämlich erst kurz zuvor wieder aus der Schublade geholt, in der es seit dem Aus des vorigen Kleinverlags geschlummert hatte, und zaghaft meiner Agentur unter die Nase gehalten.
Grit klinkte sich kurzerhand bei dem Messegespräch ein. und auch wenn mir kurzzeitig Verlegerinnen-Schlammcatchen um mein Manuskript versprochen wurde, gab es dann doch eine friedliche Einigung – die »Kondorkinder« flatterten zu Art Skript Phantastik.

Was mich bis heute flasht: Grit liebte das Projekt schon, bevor sie es überhaupt gelesen hatte. Sie hat auch das wundervolle neue Cover gezaubert – es fängt perfekt die Atmosphäre ein, die das Buch für mich ausmacht.

Tina: „Kondorkinder“ spielt in verschiedenen Zeitebenen. Wie bist Du auf die Idee gekommen, diesen Roman so aufzubauen? Was hat Dich an diesem Konzept fasziniert und was hat Dich dabei am meisten gefordert?

Sabrina: Das hat sich tatsächlich erst im Schreibprozess ergeben: Am Anfang hatte ich nur die Gegenwartsebene geplant, die Vergangenheitsebene war nur eine Geschichte, auf die in der Gegenwart ab und an Bezug genommen wird.

Irgendwann landete ich aber in einer fetten Schreibblockade, stellte fest, dass ich mehr Plot und Planung brauchte – und je mehr ich daran tüftelte, desto klarer wurde: Ich muss auch die Vergangenheit auserzählen.

Gefühlt die größte Herausforderung war dabei die Recherche der historischen Gegebenheiten, und zwar auf Alltagsebene. Rahmenbedingungen, Regierungszeiten und Reformen lassen sich natürlich problemlos rausfinden, aber: Wie sah die Einrichtung der Häuser aus, wie lief der Alltag ab, wie kleideten sich die Menschen?
In der Urfassung war da noch vieles munter zusammenfabuliert, weil die ja im Rahmen des NaNoWriMo entstand – wenn es darum geht, 50.000 Wörter in einem Monat zu schreiben, bleibt keine Zeit für kleinteilige Recherche. Und viele Unsauberkeiten habe ich tatsächlich erst jetzt für die Neuveröffentlichung ausgebügelt, wo ich noch mal tief in die Recherche eingestiegen bin.

Tina: Drei Symbole ziehen sich wie rote Fäden durch den gesamten Roman: die schwarze Feder, die rote Tinte und das Andenkreuz. Magst Du zu diesen Dingen einfach ein paar Gedanken teilen?

Sabrina: Die schwarze Feder und die rote Tinte sind Motive, die von der andinen Kosmovision inspiriert sind, sich aber letztlich aus der Geschichte heraus entwickelt haben und ihre Bedeutung aus ihr ziehen: Die schwarze Feder ist natürlich eine Kondorfeder, die rote Tinte wird in der Romanhandlung immer wieder mit Blut und dessen Symbolik in Verbindung gebracht.
Das Andenkreuz hingegen spielt nicht nur im Buch eine große Rolle, es existiert auch losgelöst davon. Seine Form – vier Seiten, an jeder Seite drei »Stufen« – soll die vier Provinzen des historischen Inkastaats und die drei Ebenen der andinen Weltvorstellung symbolisieren. Wahrscheinlich gibt es aber auch noch frühere und andere Bedeutungen, denn das Andenkreuz als Form gab es schon vor den Inka.

Tina: „Kondorkinder“ hat unheimlich tolle, starke Frauenfiguren – Yanakachi, Isabel, Malinka, die durch die Geschehnisse durch die Geschichte hindurch eng miteinander verbunden sind. Ich finde es großartig, wie alle drei an den Schwierigkeiten und Schicksalsschlägen, die ihnen auf ihren Lebenswegen begegnen, nicht verzweifeln, sondern immer noch stärker werden – aber die alle auch zugeben können, dass sie Schwächen haben und nicht immer in der Lage sind, diese Schicksalsschläge sofort anzunehmen. Steckt in diesem spannenden Trio auch ein wenig von Dir selbst? Welche der drei Frauen hat Dir beim Schreiben am meisten Freude bereitet, und welche war vielleicht manchmal schwierig?

Sabrina: Das ist eine spannende Frage. Malinka hat recht offensichtlich einiges von mir mitbekommen – ihre überbordende Begeisterung für Perú, aber auch ihre Liebe zum Geschichtenerzählen und das Ringen darum, es wiederzubekommen.

Bei Isabel und Yanakachi war es auch für mich selbst im Schreibprozess weniger deutlich, aber rückblickend ist es gerade bei Isabel der Wille, den eigenen Weg konsequent zu gehen, auch wenn es nicht der einfachste ist. Herauszufinden, was sie selbst will, aber auch Verantwortung zu übernehmen gegenüber denen, an denen ihr etwas liegt – bzw. ihr »white privilege« gezielt für Solidarität und Unterstützung einzusetzen.

Geschrieben habe ich alle drei gern. Die größte Herausforderung war vielleicht Yanakachi, weil sie schon zu Beginn des Romans zutiefst schmerzhafte Erfahrungen gemacht hat und darauf aufbauend ihre Entscheidungen trifft. Das war übrigens auch ein Aspekt, dem die alte Fassung nicht ausreichend gerecht geworden ist: Die Figuren um Yanakachi herum respektieren ihre Wünsche und Entscheidungen nicht, setzen sich darüber hinweg und hintergehen Yanakachi bewusst. Das sind Übergriffigkeiten und Vertrauensbrüche, die in der Erstfassung so gut wie gar nicht als solche problematisiert, sondern zwischen den Zeilen damit gerechtfertigt wurden, dass Yanakachi ja ebenfalls Fehler macht. Das fand ich in der Überarbeitung sehr schmerzhaft zu lesen und habe versucht, es in der Neuveröffentlichung nuancierter umzusetzen.

Tina: Mein Lieblingszitat aus „Kondorkinder“ gibt es sogar auf Werbepostkarten: „Geschichten sind wilde Tiere. Du kannst ihr Vertrauen gewinnen, aber du kannst sie nie ganz zähmen.“ War für Dich dieses Bild der Geschichte als lebendiges Wesen schon immer da? Wie hat dieses Bild Dich gefunden? (Anmerkung: ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wunderschön ich es finde).

Sabrina: Ich glaube, das ist mir tatsächlich erst beim Schreiben der »Kondorkinder« selbst bewusst geworden, dass ich es absolut so empfinde – weil sich auch diese Geschichte genauso verhalten hat.

Tina: Hast Du eine Lieblingsfigur in diesem Roman? Wenn ja – wer ist das?

Sabrina: Darüber habe ich jetzt eine Weile nachgedacht, aber ehrlich gesagt nein. Bei den Hauptfiguren fällt mir eine Entscheidung schwer, weil jede von ihnen Eigenschaften hat, die ich spannend finde, und weil sie gleichzeitig stark von der Interaktion mit anderen Figuren leben – Malinka und Matteo etwa funktionieren für mich aufgrund der Dynamik zwischen ihnen besonders gut.

Ich hänge an vielen der Nebenfiguren, etwa Pancha, die Köchin im Vergangenheitsstrang, oder Iriri, der Schamane in der Gegenwart, weil die beide auf ihre Art herrlich zielstrebig und bodenständig sind. Und Flor bzw. Munay T’ika, auch wenn sie wenig Screentime hat.

Tina: Gibt es etwas in der Neuveröffentlichung der „Kondorkinder“, das sich grundlegend von der ersten Ausgabe unterscheidet?

Sabrina: Auf der einen Seite habe ich so einige Kapitel komplett oder zu weiten Teilen umgeschrieben. Gerade am Anfang des Gegenwartsstrangs habe ich viel geändert, weil da erzähltechnisch vieles im Argen lag, die Figuren nicht optimal eingeführt wurden und die Handlung nur sehr bemüht in Gang kam. Das ist jetzt runder und schlüssiger.

Beim Vergangenheitsstrang gibt es besonders in den frühen Kapiteln einige dramaturgische Änderungen, aber auch sehr viel mit Blick auf die schon angesprochene Recherche. Da sind nun große und kleinere Patzer ausgebügelt und historisch stimmiger umgesetzt.

Viele Änderungen sind aber auch subtiler und eher auf der strukturellen Ebene – das heißt: Welche Figuren handeln, wie handeln sie, und welche Handlung hat welche Konsequenzen für welche Figur? Welche Figuren agieren aus Machtpositionen heraus? Wer steht im Rampenlicht, wer hat Deutungshoheit?

Denn da steckte viel Problematisches in der alten Fassung – nicht bewusst, sondern weil mir damals, als ich sie geschrieben habe, noch viel an handwerklichem Know-how und Bewusstsein fehlte. Mir war vor zehn Jahren noch nicht klar, wie viele Aussagen eine Geschichte auf dieser strukturellen Ebene trifft, auch wenn sie nur unbewusst einfließen.

»Kondorkinder« berührt schon aufgrund des Settings viele Themen rund um die Problematik kolonialer Machtstrukturen, die bis heute fortwirken – Rassismus, Repräsentation, aber auch Motive wie den »white savior«, also den Trope, dass es eine weiße Figur als Retter*in braucht.

Der Umgang mit Yanakachi ist da ein Beispiel, das ich schon genannt habe. Sie wird verletzt und übergangen, das allein schafft ein Ungleichgewicht zwischen ihr und anderen Figuren. Aber sie ist auch eine indigene Frau, und dadurch lässt sich dieses Ungleichgewicht nicht nur als Element in einer fiktiven Geschichte begreifen, es ist auch mit tatsächlichen historischen Machtstrukturen verbunden – Fantasy hin oder her. Und die Art, wie verletzende, übergriffige Handlungen gegenüber Yanakachi in der alten Fassung unkommentiert, ja unreflektiert blieben, hat genau solche Strukturen reproduziert.

Auf solche Aspekte habe ich in der Überarbeitung bewusst geachtet. Aber: Manches auf der strukturellen Ebene war so eng mit dem Aufbau der Story selbst verflochten, dass sich das nicht mehr auflösen ließ.

Tina: Welche der in den „Kondorkindern“ beschriebenen Orte hast Du selbst schon besucht?

Sabrina: Ich glaube, es ist leichter, das umgekehrt zu beantworten: Der einzige Ort, an dem ich noch nicht selbst war, ist die Stadt Iquitos im Amazonasgebiet.

Tina: Zu Beginn des Handlungsstranges in der Gegenwart leidet Malinka unter etwas, das ganz sicher alle ernsthaft schreibenden Menschen kennen: an einer Schreibblockade. Sie ist sicher, dass sie das Geschichtenerzählen verloren hat – wer wissen möchte, was genau dahinter steckt, sollte wirklich unbedingt die „Kondorkinder“ lesen. Aber was machst Du eigentlich, wenn Dich mal so eine blöde Phase durchmachst? Was ist Dein persönliches Rezept, wenn die Geschichten scheu sind und nicht kommen wollen?

Sabrina: Bei mir läuft es im Prinzip auf zwei Möglichkeiten hinaus. Nummer eins: Die Blockade weist mich darauf hin, dass es im aktuellen Projekt hakt. Dann heißt es auf Spurensuche gehen, wo das Problem liegt: Stimmt vielleicht etwas mit der Motivation bestimmter Figuren nicht, weiß ich gar nicht, was die eigentlich wollen? Habe ich etwas auserzählt, was ich gar nicht brauche, oder umgekehrt etwas weggelassen, was mir jetzt fehlt?

Die zweite Möglichkeit: Die Akkus sind gerade wirklich leer und die Geschichten brauchen Zeit. In dem Zusammenhang hilft es mir, die Füße stillzuhalten und die Akkus zu laden. Input von außen ist da großartig – Lesen, Filme gucken, bei mir persönlich funktionieren auch Computerspiele ganz wunderbar.

Phasen mit scheuen Geschichten sind immer frustrierend, egal, wann sie kommen, aber sie gehen auch wieder vorüber.

Tina: Gibt es noch etwas, was Du Deinen Leser*innen mit auf den Weg geben möchtest?

Sabrina: Vielleicht das: »Kondorkinder« hat mir wie kein anderes meiner Bücher gezeigt, dass es sich lohnt, dranzubleiben, dem eigenen Weg zu folgen, Kraft, Mut und Geduld dafür aufzubringen. Nicht nur, weil all das in der Geschichte im Buch selbst steckt, sondern auch, weil das ist, was mich rundherum begleitet hat.

Als die Erstfassung vor einigen Jahren vom Buchmarkt verschwinden musste, war ich unglaublich niedergeschlagen, es fühlte sich an, als wäre da nicht nur Stillstand, sondern als ob alles Erreichte mir zwischen den Fingern zerbröseln würde. Und dann hat das Buch eine neue Chance bekommen, für die ich zutiefst dankbar bin – mitsamt vieler Dinge, die bei der ersten Veröffentlichung fehlten oder zu kurz kamen. Das Gefühl von Stagnation und Rückschritt vor einigen Jahren war schmerzhaft, aber es war nicht das Ende.

Tina: Liebe Sabrina, ich danke Dir ganz herzlich für dieses Interview und wünsche Dir und den Kondorkindern weiterhin ganz viel Erfolg!

Sabrina: Ich danke dir, dass ich bei dir zu Gast sein durfte – danke für deine Fragen!

Out of Happyland

Ich rede in diesem Blogbeitrag über Rassismus. Und ich möchte gerade die, die jetzt die Augen verdrehen und wegscrollen wollen, bitten: bleibt einen Moment bei mir. Nehmt euch die Zeit, diesen Eintrag zu lesen, denn er ist mir wichtig.


Der Auslöser? Ich bin seit gefühlten Ewigkeiten Mitglied im Fantasy-Autor*innen-Forum Tintenzirkel. Ich bin Gründungsmitglied, ich bin dabei, seit der Zirkel als kleine Yahoo-Mailingliste seinen Anfang genommen hat. Ich wurde vor einigen Jahren Moderatorin. Durch den Tintenzirkel habe ich den Mut gefunden, zu versuchen, meine Romane zu veröffentlichen. Ich liebe das Schreiben, es ist ein essenzieller Bestandteil meines Lebens, und der Tintenzirkel ist für mich untrennbar mit meinem geliebten Nebenjob “Fantasyautorin” verbunden.


Seit ein paar Tagen ist er für mich aber auch mit anderen Dingen verbunden: mit allerübelsten rassistischen Äußerungen einiger Mitglieder – und mit meinem Schweigen. In Situationen, in denen Schweigen das Schlimmste war, was ich hätte tun können. Denn durch mein Schweigen, durch meine Müdigkeit und meine Angst vor Konfrontation und Konflikt sind diese rassistischen Äußerungen so gut wie unkommentiert stehengeblieben und haben PoC in diesem Forum tief verletzt – und sie haben nicht geschwiegen. Ich bin dafür dankbar, denn dieses Nicht-Schweigen hat in mir einen Lernprozess angestoßen. Hat mich dazu geführt, meine eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Mich zu informieren, zu lesen, mich mit Rassismus und dessen Wurzeln zu befassen, die viel tiefer liegen als weiße Menschen im Normalfall vermuten. Ich gehöre auch zu den weißen Menschen, die in der Schule nichts über den deutschen Kolonialismus in Afrika gelernt haben. Aber mit dem Wissen, das ich zu sammeln begonnen habe und mit dem ich mich gerade beschäftige, fange ich an zu sehen. Die Autorin des Buches exit racism, Tupoka Ogette, beschreibt den Lernprozess, das Umdenken, das Hinterfragen und analysieren der eigenen Gedanken als den Weg aus Happyland. Happyland, das ist die Art von Leben, in der ich all die Mikroaggressionen, all den Alltagsrassismus nicht sehen konnte oder wollte. In dem ich ihn als “nicht so schlimm” angesehen habe, als “das war doch schon immer so”, “das ist Tradition”, bei Büchern, in denen das N-Wort vorkommt, als “das ist Literatur, das schrieb man damals eben”. Der Weg aus Happyland heraus tut weh. Lernen tut weh. Eigene Denkmuster sind liebgewonnene Gewohnheiten, und Gewohnheiten sind etwas, von denen ich mich nur schwer lösen, die ich nur schwer ablegen und durch neue Handlungsmuster ersetzen kann.


Ich erkenne aber, dass ich es in diesem Fall dringend tun muss. Ich muss erkennen, dass ich weiße Privilegien habe. Der Gedanke ist erst einmal unangenehm, denn ich habe mich nie besonders privilegiert gefühlt. Ich bin nicht besonders schön, nicht besonders schlank, nicht superreich und auch nicht mega erfolgreich.

Aber darum geht es bei der Betrachtung von weißen Privilegien auch gar nicht, und das musste ich erst mal verstehen. Weiß zu sein bedeutet, dass ich nicht “die andere” bin, wenn ich in einen Raum voller weißer Menschen komme. Es bedeutet, dass ich sehr wahrscheinlich nicht abgelehnt werde, weil ich weiß bin, wenn ich mich auf einen Job bewerbe, sondern weil etwas anderes nicht passt. Ich werde nicht abgelehnt, weil ich weiß bin, wenn ich eine Wohnung nicht bekomme. Ich werde nicht ständig gefragt, woher ich komme, und niemand greift mir ungefragt in die Haare.
Ich fange an, in meiner eigenen Sprache Formulierungen zu finden, die rassistisch sind und kolonialistisch. Wie leicht sage ich zu jemandem, der mich um was bittet und ich habe keine Lust dazu, sowas wie: “Ich bin doch nicht dein Sklave”. Ich wäre vor der Beschäftigung mit dem Thema nie auf die Idee gekommen, dass diese Aussage rassistisch aufgefasst werden könnte. Ich fühle mich damit aber nicht mehr wohl.

Ich fange an, Kinderbuchklassiker zu hinterfragen. Das Gefühl von “das ist Literatur, da darf man das” wird von “nein, das geht GAR nicht” überholt. Nein, es geht in der heutigen Zeit nicht mehr, dass das N-Wort in Kinderbuchklassikern stehen darf, und ich würde meinen Kindern, wenn ich denn welche hätte, Jim Knopf nur im Zusammenhang mit kritischer Auseinandersetzung vorstellen und sie es nicht alleine lesen lassen.

Ich erkenne, dass ich bei einem eigenen, schon älteren Romanprojekt von mir in die Kolonialismusfalle getappt bin, indem ich eine Fantasywelt erschaffen habe, in der weiße Entdecker*innen auf ein ohne Probleme als indigen zu lesendes Volk stoßen und versuchen, diesem ihren Glauben aufzuzwingen, ihre Zivilisation, versuchen, es mit billigen Geschenken auf die eigene Seite zu ziehen. Super, Tina. Nicht. Ich habe Stereotype reproduziert, die von Kolonialismus geprägt sind, und damit ein rassistisches Setting geschaffen. Die Romane sind inzwischen auf meiner Inhaltswarnungen-Seite mit den entsprechenden content warnings versehen, gehen gerade durch ein sensitivity reading, und ich habe einen Deal mit meiner Verlegerin, dass ich, wenn notwendig, passagenweise überarbeiten werde.

Ich weiß, dass ich einen weiten Weg vor mir habe, und dass ich sicher auch immer wieder in mein altes Happylandverhalten zurückfallen werde. Ich will an mir arbeiten. Und ich werde nicht mehr schweigen, wenn es an der Zeit ist zu reden.

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